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18. Januar 2011

Letzter Gründer verlässt den Gambero Rosso

von Eckhard Supp - Es hatte sich bereits seit Anfang Dezember angedeutet, seit vier Tagen ist es jetzt offiziell: Daniele Cernilli, Direktor und letzter noch verbliebener Gründer des römischen Gambero-Rosso-Verlags, bekannt vor allem durch die gleichnamige Zeitschrift und den Weinführer Vini d'Italia, hat gekündigt und wird den Gambero mit vorerst noch unbekanntem Ziel verlassen. Damit hat sich, nach Stefano Bonilli, der bereits 2008 Knall auf Fall entlassen wurde, und nach Carlo Petrini, der seit der "Scheidung" von Gambero und Slow Food nicht mehr dabei war, nun auch der dritte "Erfinder" des Weinführers Vini d'Italia - auf Cernillis "Konto" ging vor allem die Idee mit den "drei Gläsern" - verabschiedet.


Daniele Cernilli, einer der einflussreichsten Weinkritiker Italiens (Foto: Gambero Rosso)

Cernilli galt auch seinen Kritikern als einer der besten Verkoster Italiens und war sicher eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der italienischen Weinwelt. Dabei war er nicht unumstritten, und insbesondere seit seiner Heirat mit der PR-Agentin Marina Thompson wurde ihm oft vorgeworfen, den Weinjournalismus und das PR-Geschäft allzu eng aneinander gekoppelt zu haben. Viele warfen ihm vor, aus dem einst mit kritisch-revolutionärer Emphase gestarteten Projekt - als Beteiligter der ersten Jahre erinnere ich mich noch sehr gut daran, dass wir unsere Identität gerade daraus zogen, den "Alten", insbesondere Luigi Veronelli und seiner Gruppe, Interessenkonflikte vorwerfen zu können - eine reine "pay-to-play operation" gemacht zu haben.

Ich war lange Jahre mit Cernilli befreundet, mit dem mich ein ähnlicher Lebensweg von den Geisteswissenschaften und der Philosophie zum Weinjournalismus verband - wir nannten das scherzhaft "dallo spirito all'alcol" (frei übersetzt: vom Geist zum Weingeist), auch wenn diese Freundschaft in den letzten Jahren etwas abkühlte. Dennoch war ich immer davon überzeugt, dass Cernilli im Grunde nicht korrupt, sondern nur ein heilloser Romantiker war, der sich in seinem professionellen Urteil viel zu stark von Freundschaften (und ehelichen Banden) beeinflussen ließ. Für die "Korruption" - präziser wäre die Formulierung "für die Interessenkonflikte" - waren beim Gambero nach meiner Erfahrung andere zuständig, nicht zuletzt die beiden Co-Gründer Stefano Bonilli und Carlo Petrini.

Das scheint auch durch das Interview durch, das Cernilli gestern einem seiner schärfsten Kritiker, dem Journalisten und Blogger Franco Ziliani gab. Dort sagt er: "... mir persönlich gefiel der Gambero der Anfänge besser, mit weniger Mitarbeitern, kleiner, mit klarerem Profil. Seitdem es die Città del Gusto (das vor einigen Jahren gegründete TV- und Ausbildungszentrum des Gambero in Rom, d. Red.) gibt, hat es eine deutlich stärker unternehmerisch orientierte Eskalation gegeben, die nicht mehr mein Ding ist. Ich betrachte mich mehr als Handwerker denn als Industriekapitän."

Im selben Interview geht Cernilli auch kritisch mit der Entwicklung der Weinpublizistik im Lande um, ohne sich dabei allerdings mit den Vorwürfen an seine Person auseinanderzusetzen: "Mir gefällt der Ton (der Veröffentlichungen) heute nicht mehr, nicht mehr, dass aus jedem Mist gleich eine Staatsaffäre gemacht wird. Mir gefällt dieser "gebrüllte Wein"(journalismus) nicht mehr, und zwar auch deshalb, weil Winzer in der Regel nicht brüllen, weil sie ihre Arbeit lieben, weil sie mehrheitlich aus Leidenschaft Wein machen ... Ich glaube, dass diejenigen, die sich so verhalten, den billigen Skandal suchen, dem Wein letztlich schaden und ihm nicht nützen."

Cernilli wurde, unter anderem vom erwähnten Franco Ziliani, oft vorgeworfen, an den zunehmend gesichtsloseren, internationaleren Weinen - Stichworte internationale Rebsorten und Barriqueausbau - Schuld zu sein, aber das ist natürlich eine historische Albernheit. Sowohl das Vordringen der internationalen Rebsorten wie auch der Ausbau der Weine im (französischen) Barriquefass datieren aus einer Zeit deutlich vor Cernillis Anfängen als Weinschreiber. Insbesondere die Barriquemode geht dabei wesentlich stärker auf Winzer wie Gaja und Giacomo Bologna und auf Weinschreiber wie den verstorbenen Luigi Veronelli zurück, wobei ironischerweise - noch so ein Interessenkonflikt aufgrund ehelicher Bande - dessen Gattin seit vielen Jahren Barriques aus Frankreich importierte und noch importiert, was aber kaum jemals einen Kollegen oder Konkurrenten größer beschäftigt oder gar aufgeregt zu haben zu scheint.

Was jetzt aus dem Verlag und dem Weinführer Gambero Rosso wird, steht in den Sternen. Die Manager des Verlages - der wirkliche Eigentümer hält sich bereits seit Jahren so bedeckt, dass noch immer über seine Identität gerätselt wird, wobei die meisten glauben, es handele sich um den Verleger und Winzer Paolo Panerai (Weingut Castellare, noch so ein Interessenkonflikt) - teilten mit, man habe die Leitung des Weinführers in die bewährten Hände eines Trios gelegt (Gianni Fabrizio, der in den 1990er-Jahren auch für unsere Enzyklopädie des Italienischen Weins schrieb, Eleonora Guerrini und Marco Sabellico), wobei gleichzeitig internationale Größen wie die Franzosen Michel Bettane und Thierry Desseauve (einst Herausgeber eines französischen Weinführers) sowie James Suckling (Ex-Wine Spectator) als Berater verpflichtet worden seien. Dass es sich dabei wohl eher um Gallionsfiguren als um Berater handelt, ist allerdings nicht schwer zu erraten, wenn man weiß, dass die Kenntnisse des italienischen Weins bei Bettane-Desseauve extrem überschaubar sind, während Suckling sich beim Wine Spectator einst mit eher skurrilen Weinbewertungen einen "Namen" machte.
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