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04. November 2013

Champagnerphilosophien

von Eckhard Supp - Misstrauisch war ich schon ein wenig gegenüber dieser Einladung. Nicht etwa, weil ich befürchten musste, es gäbe zu schlechte Weine, nichts zu essen und kein anständiges Bett, aber Einladungen eines einzelnen Erzeugers zu Kurzbesuchen, die im Grunde nur aus einer Verkostung und einem Abendessen bestehen, stehe ich prinzipiell kritisch gegenüber. Für die Verkostung lasse ich mir in solchen Fällen die Weine lieber nach Hamburg schicken, was für beide Seiten mit wesentlich weniger Aufwand verbunden ist, und Abendessen in größerer Journalistenrunde finde ich auch schon lange nicht mehr so spannend, dass ich sie auf keinen Fall missen möchte.

Dennoch musste ich mir am Ende der kurzen Reise eingestehen, dass sich die Mühe gelohnt hatte. Nicht nur wegen der guten Schaumweine, nicht nur wegen der netten Gesellschaft oder wegen des guten Essens, auch nicht nur wegen der Bereitschaft des Hauses Gosset, die Weine, die wir getrunken hatten noch einmal zu meiner geplanten Champagnerprobe einzuschicken, was die Wenigsten akzeptieren, sondern vor allem deshalb, weil ich endlich einmal wieder Bestätigung für meine lange gehegte Überzeugung fand. Die da lautet: Guter Champagner darf, kann, muss auch nach dem Degorgieren reifen.

 

 

 

Champagne-Bilderbogen: Die Mühle von Verzenay im Abendlicht, die Kathedrale von Reims bei Nacht, Jean-Pierre Mareigner, Kellermeister bei Gosset, die Gewölbe von Château Malakoff, dem neuen Sitz von Gosset, Verzenay und seine Weinberge sowie einige Eindrücke von den Verkostungen. (Fotos: E. Supp)

Nun sollte das aber - bitte schön! - niemand unserem charmanten Gastgeber, Jean-Pierre Cointreau, Chef des Champagnerhauses Gosset und der Cognac-Brennerei Frapin, sagen. Der hatte nämlich beim Abendessen mit Macht versucht, unsere Gruppe davon zu überzeugen, dass Champagner gekauft und so rasch wie möglich getrunken gehört. Da nutzte es auch nichts, dass ich mich als Freund lange (nach dem Degorgieren) gereifter Champagner outete. Das brachte mir nur einen vagen Hinweis auf unterschiedliche Philosophien und die Frage von Exportleiter Wilfred Schuman ein: "Sind sie denn ein typischer Deutscher?" Immerhin lässt Gosset ja die frisch degorgierten Flaschen noch sechs Monate in ihren Kellern ruhen, bevor sie in den Handel kommen.

Für eine Bestätigung meiner "Philosophie" musste ich dann den nächsten Tag abwarten. Jean-Pierre Mareigner, in zweiter (oder schon dritter?) Generation Kellermeister von Champagne Gosset, hatte zur Verkostung der Edel-Cuvée Célébris eingeladen, und war dann - offenbar hatte er selbst Spaß an der Probe gefunden - in den Keller gestiefelt, um mit zwei älteren Flaschen unter dem Arm wieder aufzutauchen *. Die Weine, ein Rosé Brut Millésimé von 1998 (bereits seit 8 Jahren degorgiert) und ein Célébris Rosé Extra brut von 2003 (seit zwei Jahren degorgiert) zeigten dann eine Tiefe und Vielschichtigkeit, wie sie in den gerade erst dosierten Flaschen noch nicht in dieser Ausprägung zu finden gewesen sein dürften.

Meine Notizen zum 1998er: dichtes Orangerosa, extrem feines Perlage, Apfel und Orange im Duft, auch etwas Mandarine, mit der Lüftung eine Spur animalischer Noten, am Gaumen dicht, noch sehr schöne Frische, schon vor 8 Jahren degorgiert und sehr komplex in der Nase wie am Gaumen, große Länge im Abang. Und die des nur unwesentlich schwächeren 2003ers: feines und regelmäßiges Perlage, sehr reiche, tiefe Aromen, gute Mineralität, schon deutlich reifere, ins Orange tendierende Farbe, mit der Lüftung Pfeffer und Würze, vor zwei Jahren degorgiert, aber noch immer sehr stabil und frisch.

Ach ja! Hatte ich eigentlich schon gesagt, dass sowohl Kellermeister Mareigner als auch unsere sympathische Begleiterin Nathalie Dufour meine Philosophie in der Frage der Lagerung vollumfänglich teilten? Deren Richtigkeit damit zumindest für mich bestätigt war!
* Die Verkostungsnotizen der aktuellen Jahrgänge von Gosset finden Sie im geplanten großen Verkostungsreport, der in zwei oder drei Wochen auf ENO WorldWine erscheinen wird.

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