WorldWine Blog

19. November 2010

Es korkt ... in der Korkdiskussion

von Eckhard Supp - "Vielleicht klingt es ketzerisch, aber ich bin überzeugt, dass das Problem innerhalb weniger Jahre zu lösen wäre, könnten sich ein paar der renommiertesten Weinproduzenten der Welt ... dazu entschließen, ... Schraubverschlüsse oder Kronkorken zu verwenden". Als ich diese Zeilen im Spätherbst 1991 für mein Buch "Wein für Einsteiger" (erschienen 1992) schrieb, hatten sie bei weitem nicht nicht die prophetisch anmutende Konnotation, die man heute, im Abstand von fast 20 Jahren, in ihnen lesen könnte. Vielmehr griff ich nur einen Gedanken auf, den bereits weitere 16 Jahre zuvor, im Jahre 1976 also, der Kollege Peter Espe (Falkenstein) in seinem Buch "Tips für den Weinkauf" niedergeschrieben hatte: "Eine Revolution in der Wein-Abfüllung kommt ohnedies unaufhaltsam auf uns zu. Der Korken wird mehr und mehr vom Schraubverschluss abgelöst."

Die Daten dieser beiden Veröffentlichungen kontrastieren in merkwürdiger Weise mit der Aufgeregtheit, mit der in den letzten Wochen und Monaten eine anscheinend topaktuelle und höchst virulente Diskussion hochkochte - hochgekocht wurde? -, die jeder Chronist mit einem nur annäherungsweise funktionierenden Langzeitgedächtnis längst aus dieser Welt glaubte: die Diskussion über den Weinkorken und seine Alternativen, insbesondere den immer weiter verbreiteten Schrauber. Von Spiegel bis Zeit online, Weinblogs und Fachpublikationen inklusive, gab es kaum ein Medium, das dieser Frage nicht lange Artikel widmete, von "hochbrisanten" Entdeckungen zu berichten wusste oder schlicht die Pressetexte der Korkindustrie zum Besten gab. Dabei sind diese beiden Daten und eine Reihe weiterer, noch länger zurückliegender Ereignisse von entscheidender Bedeutung, will man sich in der aktuellen Diskussion pro oder contra Kork eine Meinung bilden. Erst die Berücksichtigung der Zeitschiene, auf die ich später noch das eine oder andere Mal zurückkommen werde, ermöglicht es nämlich, die von beiden Seiten vorgebrachten Argumente richtig einzusortieren und sich eine einigermaßen fundierte Meinung zu bilden.


Das Objekt der Disskussion: Zum Trocknen gelagerte
Rinde der Korkeiche. Aus den besten Platten
werden die Korken gestanzt.

Die aktuelle Diskussion ist im Kern um die wesentlichen Punkten der Verteidigungsstrategie der Korkindustrie aufgebaut - sei es bewusst, durch Diskussionsteilnehmer, die offen erklären, Naturkork als "besten Verschluss" für Weinflaschen verteidigen zu wollen, sei es unbewusst und vielleicht auch ungewollt, indem die mehr oder weniger geschickt gemachte PR der Korkindustrie als "breaking news" übernommen und propagiert wird. Deshalb möchte ich hier noch einmal die wichtigsten Argumente "pro Kork" der letzten Zeit aufgreifen und ihre Schwächen und ihre Widersprüchlichkeit aufzeigen. Dabei ist eines klar: Es gibt nicht EIN Korkproblem, sondern eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Probleme, die mit der Verwendung von Eichenrinde als Weinverschluss zusammenhängen, und genauso wenig gibt es EINE, universelle Lösung all dieser Korkprobleme. Die folgenden Betrachtungen sollen also keine Heiligsprechung von Plastikkorken, Schraubverschlüssen, Glasstopfen oder Kronkorken sein. Sie sind nur ein Versuch, zu zeigen, dass an der Suche nach Alternativen für den traditionellen Korken kein Weg vorbei führt. Und den Beweis dafür - Ironie der Geschichte - liefert die Korkindustrie selbst: mit ihrer Verteidigungsstrategie und ihren Argumenten.

Amnesie, Amnesie, verlass mich nie!

"Um die Geschichte des Korkenhasses zu verstehen, muss man etwa 15 Jahre zurückblicken: Damals stieg die Weinproduktion weltweit rasant an ..... Darauf waren die wenigen Korkhersteller dieser Welt nicht vorbereitet ... auf einmal wollte die ganze Welt Naturkorken für die vielen zusätzlichen Flaschen, die da gefüllt werden sollten ...". Dieser Satz aus der Feder des Winzers und Journalisten Manfred Klimek war jüngst auf Zeit online zu lesen. 15 Jahre, da wären wir also etwa im Jahr 1995, und der verdutzte Beobachter fragt sich, warum dann der bereits zitierte Peter Espe schon im Jahr 1976, d. h. fast 20 Jahre vorher, schreiben konnte: "Nur wird das natürliche Material immer rarer. Die Korkeichen in Südeuropa wurden in den vergangenen Jahren kräftig ausgebeutet ...", was ja nichts anderes heißt, als dass die Korkproduktion schon damals nicht mehr mit der Zunahme der Flaschenfüllungen Schritt halten konnte, obwohl wir vom eigentlichen Boom der 1980er und 1990er-Jahre noch weit entfernt waren. Eine der Konsequenzen dieser Entwicklung, von Espe bereits 1976 beschrieben, war spätestens seit Mitte der 1980er-Jahren die Tatsache, dass Korkeichen in immer rascherem Rhythmus abgeerntet werden mussten. Hielt man früher einen 10- bis 15-jährigen Rhythmus für gesund, so ist in fast allen Verlautbarungen der Korkindustrie heute nur noch von 9 bis 11 Jahren die Rede, wobei Kenner der Szene glauben, dass die tatsächlichen Abstände zwischen den Rindenernten oft noch kürzer sind.


In immer schnellerem Rhythmus mussten die Korkeichen des westlichen Mittelmeerraums seit den 1980er-Jahren abgeerntet werden. (alle Fotos: E. Supp, Sabaté)

In direktem, fast schon kausalem Zusammenhang mit der zitierten falschen Zeitangabe, die sich allerdings nicht nur bei Klimek finden lässt. steht die Behauptung, die in fast allen Publikationen der Korkindustrie auftaucht, und die auch von Klimek aufgegriffen wird:  "Wahr ist aber auch, dass es eigentlich noch immer keine richtig gut dokumentierten Langzeitversuche mit Schraub- oder Glasverschlüssen gibt ... Deren Experimente liegen selten länger zurück als fünf bis sieben Jahre." Auch hier wieder ein merkwürdiger Zeitsplitter: In den WorldWine News vom 13.2.2001 haben wir unter der Überschrift "Kronkorken für Spitzenweine" vom Rheingauer Winzer Peter Querbach berichtet, der bereits damals beschlossen hatte, seine Weine ausnahmslos mit einem speziell von ihm entwickelten Kronkorken zu verschließen. Und schon 1998 konnte man an gleicher Stelle lesen: "Friaul wird um Trendsetter bei Kork-Alternativen". Nicht fünf oder sieben Jahre sind die Versuche mit Korkalternativen also heute alt, sondern mindestens einmal 20, in Wahrheit sogar noch älter, wie man sehen wird.

Langzeitstudien fehlen!

Das gilt nicht nur für Weißweine, bei denen der Schraubverschluss heute ja weitgehend akzeptiert ist, sondern auch für Rote. In seinem 2003 erschienenen Buch mit dem etwas doppelbödigen Titel "Screwed for good" berichtet Tyson Stelzer von einer Reihe interessanter Rotwein-Versuchsreihen fast schon vergessenen Zeiten. "Trials such as these are not just a recent phenomenon. Château Haut-Brion in France was actively conducting them as far back as the late 1960s and in Australia we were busy in this area by the early 1970s ..." Und diese Versuche betrafen nicht nur einzelne Winzer, wie unterstellt wird, sondern sie wurden, insbesondere in Australien, auf breiter Front durchgeführt.

Ich weiß aus meiner eigenen Arbeit, dass viele renommierte Erzeuger in Europa und Übersee in den letzten 20 Jahren teilweise sehr langfristig angelegte Versuche mit alternativen Verschlüssen durchgeführt haben. Vieles davon ging in Richtung der Plastikkorken, denen man - wegen des Plopps! - Anfang der 1990er-Jahre noch die größeren Chancen gab, Akzeptanz beim Verbraucher zu finden - leider, wie wir heute wissen, ein Trugschluss, da sich herausstellte, dass diese Plastikstopper meist nicht mehr als ein oder zwei Jahre Dichtigkeit garantierten, und die mit ihnen verschlossenen Weine nach relativ kurzer Zeit müde und oxidiert wirkten. Solche Irrwege, die Tatsache, dass sich die Suche nach "der richtigen" Alternative zum Korken als letztlich doch komplexer herausstellte, als mancher es wahrhaben wollte - und sei es nur wegen der mangelnden Akzeptanz durch den Verbraucher - führten übrigens dazu, dass der Elan aus den 1970er- und frühen 1980er-Jahren im letzten Jahrzehnt des Jahrtausends selbst in Australien erlahmte.

Dennoch wurden immer wieder , und zwar bis in die 1990er-Jahre, auch Versuche mit Schraubverschlüssen angestellt. Peter Gago, Chief winemaker von Penfolds (Grange), der selbst ab spätestens 1995 seine Roten experimentell mit "Stelvin"-Schraubern verschloss, berichtet in Stelzers Buch: "In addition to Penfolds' experience, there have been a number of important trials conducted to investigate it. To my knowledge, most of these results have not been made public until now."


Ist der Muff unvermeidlich oder gibt es valide, saubere Alternativen?

Das deckt sich mit meinen Erfahrungen: Viele der Erzeuger, die solche Versuche mit durchaus positiven Resultaten durchführten, gingen damit nie an die Öffentlichkeit, und das hatte einen ganz einfachen Grund: Da man besonders die Konsumenten höherwertiger und höherpreisiger Weine als sehr konservativ einschätzte, scheute man das Risiko, diese zu verprellen, und für vorschnell mit Korkalternativen gefüllte Weine "abgestraft" zu werden. Dieses Risiko ließ man lieber "die anderen" tragen - im Zweifelsfall weniger renommierte Kollegen mit stärkerem Direktverkauf, bei dem die Kunden im persönlichen Gespräch viel leichter von den Vorteilen der neuen Verschlüsse überzeugt werden konnten. Dabei war immer klar, wie ich bereits (s. o.) 1991 schrieb, dass diese Problematik mit einem Schlag aus der Welt zu schaffen gewesen wäre, hätten sich die Produzenten einer großen Zahl Kultweine verabredet, ab einem bestimmten Zeitpunkt keine Naturkorken mehr zu verwenden. Ich jedenfalls kann mir keinen Weinfreund vorstellen, der auf seinen Pétrus, Sassicaia, Dominus, Grange, Romanée oder Scharzhofberger verzichten würde, wenn all diese Weine ab einem bestimmten, verabredeten Zeitpunkt nicht mehr mit Naturkork zu haben wären. Aber leider gilt auch in der Weinbranche der unselige Slogan: "Hannemann, geh' Du voran!"

Bei einigen Erzeugern werden die Maßstäbe, wohl auch aus der beschriebenen Furcht heraus, extrem hoch angesetzt. So erklärte Peter Gago im erwähnten Buch Stelzers, seine damals siebenjährige (heute sind es bereits 14 Jahre!) Erfahrung sei, obwohl durchweg positiv, im Fall seines Kultweins Grange bei weitem nicht ausreichend für eine Entscheidung pro-Stelvin. Dazu müsse der Wein erst einmal zeigen, dass er 40 Jahre unter Schrauber reifen könne - was die ältesten Grange-Jahrgänge unter Naturkork bereits bewiesen hätten. Nun kann ich persönlich mir zwar keinen Wein vorstellen, der sieben oder 14 Jahre gut - und sogar besser als Vergleichsfüllungen mit Naturkork - reift, aber dann nach 20 oder gar 40 Jahren eine radikale Verschlechterung zeigt. Aber sei's drum! Warten wir eben noch einige Jahre ab, und dann es dürfte auch den Grange mit Schrauber geben, so wie das bereits heute bei einer ganzen Menge hochwertiger australischer Rotweine der Fall ist! [...]


Einer der besten Artikel zum

Einer der besten Artikel zum Thema Kork seit langer Zeit. Profund recherchiert, gut geschrieben. Einziger Nachteil: Ziemlich lang – aber dennoch höchst lesenswert!

Wie sehr es in der

Wie sehr es in der Korkdiskussion korkt, belegt auch dieser Artikel aus vinography.com (http://www.vinography.com/archives/2010/12/cork_producers_hit_a_new_low_...), auf den mich Patrick Johner vom Weingut Johner (Baden) auf Facebook hingewiesen hat. Dieser Industrie scheint das Wasser derart bis zum Hals zu stehen, dass sie nur noch beleidigen und mobben kann.

Tolle Zusammenfassung - die

Tolle Zusammenfassung - die Darstellung auf der Zeitschiene rückt einiges in das rechte Licht!

Bei den Korkzahlen hat wohl jeder seine eigenen - ich hatte immer "eine Flasche pro (12er) Kiste" im Kopf. Diese Zahl stammt ursprünglich aus den USA. Hier ein Beispiel aus Australien von 2004, bei dem der gleiche Wert ermittelt wurde http://bit.ly/rmyBO0

Viele Top-Producer haben mit dem Schrauber experimentiert - besonders Michel Laroche wünschte sich schon immer mehr Akzeptanz bei den Händlern für Screw Caps bei seinen Chablis Crus http://bit.ly/p0NiGG

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