WorldWine Blog

11. November 2013

Frau Neudecker und der Schokopudding

von Sigrid Neudecker* - Es ist ein wunderschöner Frühlingstag. Ich sitze im Freien, in einem wunderbaren großen Garten. Auf meinen Beinen liegt, gegen die letzten kühlen Brisen, eine karierte Decke. Der Gatte steht wie immer hinter mir, er schiebt meinen Rollstuhl. Ich bin erst seit wenigen Wochen hier. Nur noch verschwommen kann ich mich daran erinnern, wie mich ein paar starke Männer in weißen Uniformen mit vereinten Kräften in ein Auto mit vergitterten Fenstern und einem großen roten Kreuz darauf verfrachtet und hierhergebracht haben. Seitdem bekomme ich zum Frühstück viele bunte Pillen, und der Gatte darf mich jede Woche besuchen. Wir rollen dann im Park spazieren und unterhalten uns. Wie gewöhnlich lasse ich ihn erzählen. Wenn ich etwas sage, ist es immer nur ein Wort: "Schokopudding."


Sigrid Neudecker-von Randow und ihre Küchenbeichte: "Wie ich in Paris kochen lernte, ohne dabei jemanden umzubringen". (Fotos: Piper Verlag)

Alles begann, als ich bei meinen Eltern auszog. Besser gesagt, einige Monate danach. Ein Kettenhund, dessen Kette man nach all den Jahren mit begrenztem Lebensradius durchschneidet, braucht ja auch erst ein paar Tage, bis er seine neu gewonnene Freiheit wahrnimmt. Meine Freiheit war, endlich all das essen zu dürfen, was es bei uns zu Hause so gut wie nie gab. Jedenfalls nicht in diesen Mengen. Jedenfalls nicht für mich allein.

Freiheit mit Flana

Ich verfiel unter anderem einer mittelschweren Abhängigkeit von den halbmeterlangen Lachsseiten, die man tiefgekühlt bei Ikea kaufen konnte und die ich im Schutz meiner eigenen vier Wände mit keiner Schwester mehr teilen musste. Ich kaufte bei meinem Stamm-Sushisten nur noch die große Party-Platte und verlangte beim Bezahlen zur Tarnung "fünf Paar Stäbchen, bitte. Nein, besser sechs!". Aus denen baue ich mir irgendwann einen Wintergarten.

Und ich entwickelte ein etwas problematisches Verhältnis zu Schokopudding.

Ich erwähnte es bereits: Schokopudding ist Menschenrecht. Er beruhigt, er heilt, und er macht schön. Ich bin zutiefst überzeugt, dass die Welt eine bessere wäre, hätten alle Menschen Zugang zum perfekten Schokopudding. Niemand würde mehr um Parkplätze oder um die Fernbedienung streiten, Kriege gehörten der Vergangenheit an, Kleidergröße 38 ebenfalls.

In dieser ersten, wichtigsten Prägungsphase erwischte mich Flana von Dr. Oetker und gravierte in mein Hirn den Eichstrich für den perfekten Pudding. Milchschokoladig, mollig, so süß, dass es gerade eben nicht wehtut ( dazu muss man interessanterweise die empfohlene Zuckermenge reduzieren ), und vor allem muss man so viel davon machen, dass das Zittern in den Händen verschwindet und man wieder zwei Wochen lang ohne auskommt. Eine Packung Flana enthält zwei Pulverbeutelchen, wobei Dr. Oetker der irrwitzigen Meinung ist, dass ein Beutelchen für vier Portionen reicht. Das wäre ein halber Liter Pudding für vier Personen! Man muss fürwahr kein Sandwichkind sein, um diese Angabe für völlig realitätsfremd zu halten.

[...]

Der große Schock kam, als ich mit Mitte dreißig nach Deutschland ging. Es gibt dort keinen Flana! Der Dr.- Oetker-Gala ist eine Spur herber und dunkelschokoladiger als mein Flana. Er traf einfach nicht diesen gewissen Punkt. Es war eine Tragödie.

Besser als Flana

Aus dieser Lebenskrise gab es nur zwei Auswege: Entweder ich importierte bei jedem Heimatbesuch ausreichend Flana. Oder ich ging auf kalten Entzug und startete eine Ersatztherapie mit Schoko Leibniz. Das mit dem Import stellte sich als zu riskant heraus. Ich fuhr sehr unregelmäßig nach Wien, die Gefahr war zu groß, dass mir zwischenzeitlich der Stoff ausging und ich durch die Entzugserscheinungen nicht mehr fähig war zu arbeiten. Geschweige denn, zusammenhängende Sätze zu bilden.

Es wurde also die Ersatztherapie, hin und wieder unterstützt durch den fertigen Sahnepudding im praktischen Halbliter-Humpen aus dem Kühlregal. Da hat sich Dr. Oetker wenigstens zu einer alltagstauglichen Portionsgröße durchgerungen.

So ging das einige Jahre. Bis wir nach Paris zogen. Hier gibt es zwar Quark im 1-Kilo-Eimer, nicht jedoch die wirklich wichtigen Grundnahrungsmittel.

[...]

Da hörte ich eines Tages von dem Gerücht, man könne Schokopudding auch komplett selbst kochen. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Für mich fiel "Milch aufkochen, Beutelinhalt hinein, umrühren" schon unter Kochen. Das verkaufte ich locker als "selbstgemachter Schokopudding". Doch als ich über das erste Rezept stolperte, das ohne die Worte "Beutel aufreißen" auskam, erwachte in mir ein neuer Ehrgeiz.

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Just in der schwierigsten Phase meiner Puddingfindung schlugen unsere Freunde Chyi und Jonas, der Depardieu-Fotograf, einen Besuch im Pariser Restaurant Frenchie vor, genauer gesagt, in der bar à vins, die der Inhaber Greg Marchand eröffnen musste, weil sich die Leute um Tische in seinem Restaurant schon prügelten

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Weswegen mir dieses Essen allerdings ewig in Erinnerung bleiben wird, war der Nachtisch: pot au chocolat. Als Chyi und ich den ersten Löffel in den Mund steckten, machten wir beide Geräusche, die man eher nicht mehr als jugendfrei bezeichnen kann. Dieser pot au chocolat hatte alles: eine wunderbar sanfte Schokoladigkeit, ein Mundgefühl, aus dem man Sofas machen sollte, und eine Süße, die auf den Mikrometer genau richtig war. Ich muss vor lauter Entrücktheit ein Gesicht wie nach einer beidseitigen Gehirnspende gemacht haben. Als ich wieder einigermaßen bei Verstand war, bildete sich ein unerhörter Gedanke in dem, was von meinem Hirn noch übrig war: "Der ist besser als mein Flana!"

Sechs Prozent

Zu Hause schritt ich ans Werk, solange ich den Originalgeschmack noch auf der Zunge hatte. Das Rezept schreibt 64-prozentige Valrhona Taïnori vor, sowie Milch, Sahne, Zucker und Eigelb. In meinem Supermarkt gibt es keine Valrhona. (Und so etwas schimpft sich Weltstadt.) Stattdessen verwendete ich 70-prozentige Lindt. Sechs Prozent Unterschied werden das Kraut schon nicht fett machen.

Das Ergebnis hatte leider mit dem Frenchie-Dessert nicht viel gemeinsam. Wir lernen: Sechs Prozent Differenz sind nicht nur bei amerikanischen Präsidentschaftswahlen durchaus entscheidend.

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Nachts begann ich, mich schlaflos hin und her zu wälzen. Über dem Bett schien wie eine große grüne Blase die Frage zu schweben: "Wieso nicht doch einfach wieder Flana?" Der Gatte erzählte mir morgens, dass ich im Schlaf mehrmals "Menschheit ... retten!" gerufen hatte. Chyi mailte, dass sie gerade wieder bei Frenchie gegessen hätte und dass der pot au chocolat nach wie vor ein Traum wäre. Mein Arzt verschrieb mir die ersten Beruhigungspillen.

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Ich breche die Testreihe "Kakao" ab. Irgendwie staubiger Abgang, wie ich finde. Dafür setze ich mich über ein unausgesprochenes No-No hinweg und starte eine Versuchsanordnung mit Milchschokolade. Denn ich bin eine Milchschoko-Sissi, so, jetzt ist es raus. Ich liebe Milchschokolade, und ich stehe dazu! Selbst wenn Freud unsereins vermutlich als unreif bezeichnet hätte.

Der erste Versuch mit der Weicheier-Schokolade ist eine Offenbarung. Noch einen Hauch zu süß und etwas spitz im Abgang, aber daran ist eindeutig die No-name-Schokolade schuld. Ich fasse wieder Lebensmut. Der nächste Test erfolgt mit Milka Alpenmilch. Jetzt wird’s langsam! Ich beschließe, diese Version meinen Neffen zu servieren. Für den Wienbesuch wiege ich Zucker und Maizena für einen halben Liter Milch und 100 Gramm Schokolade ab, vakuumiere beides und komme mir erschreckend professionell vor.

Barbara und Elias holen mich vom Flughafen ab. Immerhin lautet erst sein drittes Wort » Pudding?«. Aber ich bin mir sicher, er strahlt mich nicht nur deshalb so an, sondern weil er sich freut, mich endlich wieder zu sehen. Ja, ich bin noch recht naiv für mein Alter.

Rote Flecken, Aspirin und das Eichhörnchen

Am nächsten Nachmittag koche ich den Pudding, der ein perfektes Erpressungsmittel ist, um die üblichen Mordversuche des einen Bruders gegen den anderen wenigstens bis zum Abendessen zu unterbinden. Die Buben sind begeistert, ich bin erleichtert. Bis Barbara sagt: "Du weißt, für sie ist die Hauptsache, dass es möglichst süß und nur durch Dr. Beckmanns Fleckenteufel aus den Kleidern zu bekommen ist."

Zurück in Paris, führe ich die Versuchsreihen mit Milchschokolade weiter, bis mich eines Tages eine Erkenntnis trifft wie ein Schlag: Wozu Pudding aus einer Schokolade machen, die man eigentlich ohne jeden Aufwand auch einfach so essen könnte?

Die roten Flecken am Hals kommen zurück. Ich lasse mir jeden Abend vom Gatten erklären, was der Sinn des Lebens ist. Er versteckt die Küchenmesser und versperrt die Aspirin in seinem Schreibtisch. Vom Küchengarn rückt er nur noch so viel heraus, wie man braucht, um ein Huhn zu binden.

An guten Tagen wage ich mich zurück an das Puddingprojekt. Dank einer weiteren Erleuchtung mache ich jetzt doch wieder beim Kakao weiter. Der ist immer im Haus, wird nicht zwischendurch auf einen Haps weginhaliert und bietet darüber hinaus ein viel besseres Preis-Leistungsverhältnis als Schokolade. Mit fünf Esslöffeln kann man – meiner immer umfangreicheren Excel-Tabelle zufolge – bereits einen halben Liter Pudding herstellen.

Doch ist es wirklich der beste Pudding? Ich habe mir meinen Geschmackssinn durch die unzähligen Verkostungen bereits völlig korrumpiert. Um ihn wieder zu kalibrieren, koche ich eine Portion guten alten Flana aus einer Packung, die ich im Schließfach unserer Bank eingesperrt habe. Etwas Fürchterliches geschieht: Er schmeckt mir nicht mehr!

Ich lasse mich von meinem Psychiater fitspritzen und starte den allerletzten, ultimativen Test. Es treten gegeneinander an:
– Pudding auf Schokoladenbasis – Pudding auf Kakaobasis
– pot de crème mit Sahne und Eigelb.

Gerade, als ich bereit bin, mir mein endgültiges Urteil zu bilden und endlich wieder meinen Seelenfrieden zu finden, pingt es aus meinem Computer. Eine amerikanische Kochblogautorin hat in einem uralten französischen Kinderbuch ein Puddingrezept entdeckt, das weder Milch noch Sahne enthält und somit alles, was die Menschheit über Schokopudding weiß, völlig über den Haufen wirft.

* * *

Ich mag es, wenn der Gatte meinen Rollstuhl durch den Park schiebt. Es ist grün. Und ruhig. Und friedlich. Da! Ein Eichhörnchen!

* Der vorliegende Beitrag ist eine gekürzte Fassung des Kapitels "Wie ich mir an Schokopudding die Zähne ausbeiße" aus dem Buch "Madame ist willig, doch das Fleisch bleibt zäh" (Piper Verlag, München 2013, EUR 9,99) der Journalistin und Kochbloggerin Sigrid Neudecker, das dieser Tage erscheint. Für die Genehmigung zum Vorabdruck bedanken wir uns herzlich bei Autorin und Verlag. Die Zwischentitel stammen nicht aus dem Buch, sondern wurden der besseren Online-Lesbarkeit halber von ENO WorldWine ergänzt.


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Madame, so wunderbar die

Madame, so wunderbar die Geschichte.
Ich komme Sie auch besuchen und schiebe Sie gerne durch den Park. Soll ich selbst gekochten Pudding mitbringen, oder essen Sie jetzt nur noch "Flana"?

Liebe Frau Thea, das ist sehr

Liebe Frau Thea,

das ist sehr lieb, dass Sie den Gatten beim Schieben ablösen wollen. Ich wurde vom Therapeutenteam auf Puddingentzug gesetzt, leider. Aber der nächste, den ich esse, sobald ich wieder darf, wird jener aus "Deutschland vegetarisch" sein. Der sieht mir sehr vielversprechend aus. Und man braucht für seine Zubereitung ja auch keine spitzen Gegenstände.

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