WorldWine Blog

01. Dezember 2011

It's the money, stupid!

von Eckhard Supp - Es ist für die Freunde spanischer und portugiesischer Weine in der englischsprachigen Welt ein herber Verlust. Einer der renommiertesten Blogs weltweit, Catavino von Ryan und Gabriella Opaz sowie einigen Mitkämpfern, hat sich in der letzten Woche von seinen Lesern verabschiedet. Niemand, weder Gabriella Opaz in ihrem letzten Artikel noch Oliver Styles in seinem kurzen Requiem, hat es so richtig offen ausgesprochen, aber dieses plötzliche - oder doch nicht so plötzliche? - Ende hat wohl vor allem ökonomische Gründe.

"Wenn mich vor sieben Jahren jemand gefragt hätte, ob ich bereit sei, ein halbes Jahrzehnt lang von der Hand in den Mund zu leben, um über Weine der iberischen Halbinsel zu schreiben ....", weist Gabriella schon recht deutlich in die Richtung, in der man suchen sollte. Und wenn Oliver Styles die Probleme der spanischen Weinindustrie am Beispiel der Bestechungsgelder für den Spanien-Statthalter von Robert Parkers Wine Advocate abhandelt, der für Besuche in verschiedenen spanischen Regionen wie Navarra oder Murcia gigantische Summen in seine Tasche (oder zumindest die seines Agenten und Vermittlers der Reisen) steckte, pardon stecken ließ, dann ist die Kritik gar nicht mehr zu überhören.

Nun braucht man gar nicht lange zu spekulieren, ob das Ende dieses Blogs auch einen Rückschlag in der erst wenige Jahre alten Erfolgsgeschichte des iberischen Weins zur Folge haben kann oder vielleicht sogar schon Ausdruck eines solchen ist, wie dies Styles in seinem Artikel andeutet. Aber es ist unbestreitbar, dass die spanische Weinwelt diesen Verlust spüren wird.

Ich kann es nicht beschwören, aber ich könnte mir vorstellen, dass man dort eine ähnliche Haltung gegenüber Bloggern und Onlinern an den Tag legt wie hierzulande, in Italien, Frankreich oder sonstwo: "Blogger sind was Tolles. Vor allem, weil sie das alles umsonst machen!" Gut erinnere ich noch eine Umfrage im Jahr 2001, als ich versuchte, auf ENO WorldWine zumindest einen Teil der Inhalte kostenpflichtig zu machen. Von Namen, die zu den renommiertesten des deutschen Weinbaus gehörten, bekam ich damals zu hören, pardon zu lesen, das ginge auf keinen Fall, und das Internet müsse kostenlos bleiben. Die Rückfrage, ob sie als Winzer denn dann in Zukunft ihre Weine verschenken würden, verkniff ich mir seinerzeit.

Eine dümmere Milchmädchenrechnung als diese, die dennoch in der Weinwirtschaft gängige Münze zu sein scheint, habe ich jedenfalls in meinem bisherigen Leben noch nicht hören oder lesen müssen. Und was habe ich mir nicht in der Zwischenzeit alles einfallen lassen, spezielle Services, Anzeigen, Spendenappelle, Kooperationen der unterschiedlichsten Art etc. etc., um mein 1997 gestartetes ENO WorldWine zu finanzieren. Um genügend Mittel zu haben, um gute Autoren bezahlen zu können, um vielleicht Videos drehen, mehr Verkostungen organisieren, mein Lexikon regelmäßiger aktualisieren zu können! Mich dabei immer gegen die Versuchung gewehrt, mir mir PR-Aufträgen oder -Seminaren mein Geld zu verdienen - dabei aber, das muss ich gestehen, auch viel Glück mit meinen fast 50 Büchern zu haben, die mir das Überleben ermöglichten - oder mich für Verkostungen bezahlen zu lassen, wie das nicht wenige Kollegen machen. Machen mussten, wenn sie überhaupt über Wein weiter schreiben wollten.

Vergeblich! Inzwischen freue ich mich nur noch darüber, von ENO WorldWine wirtschaftlich unabhängig zu sein und in wenigen Jahren meine kärgliche Rente genießen zu dürfen. Der Weinwelt aber kann ich an dieser Stelle nur sagen: "It's the money, stupid!" Ja, auch Blogger, Weinjournalisten und -kritiker müssen von ihrer Arbeit leben können, sonst werden sie früher, als es Euch allen lieb ist, genauso von der Bildfläche verschwunden sein wie die vielen Printtitel der Branche, die in den letzten Jahren schon eingestellt wurden. "It's the economy, stupid!", hieß die Parole von Bill Clinton einst, mit der er 1992 seinen Wahlkampf gegen den alten Bush gewann. Ich lasse jedem die Wahl, ob er lieber money oder economy hören will, aber eines kann ich nur dick unterstreichen - das "stupid". Wenn die Weinindustrie zulässt, dass ihre Multiplikatoren im Internet - und das sind in Deutschland und darüber hinaus fast die einzigen, die noch Leser haben - nicht (mehr) von ihrer Arbeit leben können, dann hat sie es nicht besser verdient, dass sie auch selbst irgendwann in die Knie geht! Nur komme mir hinterher keiner und weine, das habe er ja alles nicht gewusst und nicht gewollt!

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Hallo, ja, lieber Supp, das

Hallo,
ja, lieber Supp, das ist genau das Problem der Bloggerbranche. Nicht nur in der Weinwelt. Auch ich habe mit Le Gourmand, wo ich die Themenwelten Reisen, Hotellerie, Gastronomie, Kulinarik, Wellness miteinander verschmelze, stark zu kämpfen. BannerAds? Kein Interesse, die werden über die großen Netzwerke vermarktet, die wiederum nur die großen Verlage bedienen. Links verkaufen ist unethisch und wird von Google abgestraft. Paid Content ist unethisch und wird von den Lesern bestraft. Vertical Networks haben zwar einen tollen Namen, aber was da an Geld rüberkommt, ist lächerlich. Affiliate ebenso.

Doch von irgendwas muss man ja leben. Mein Vermieter und der Supermarkt sind auch nicht einverstanden, wenn ich denen sage: ich schreibe auch einen Artikel über Euch...

Gleichzeitig stampfen die Printmedien immer mehr Seiten ein, egal ob über Wein oder Reisen - oder gar Weinreisen. Und Artikel werden mehr und mehr im Internet gelesen.

Nun denn, die Spirale dreht sich immer weiter nach unten. Gleichzeitig aber professionalisieren sich immer mehr Blogs, die rein studentische Ebene ist längst verlassen. Mal sehen, wer übrig bleibt.

Nun, eine Möglichkeit gäbe es

Nun, eine Möglichkeit gäbe es ganz bestimmt. Nämlich die, seine Kräfte zu bündeln und große, publikumsstarke "Marken" zu kreieren. Ich schlage das schon seit Jahren vor, aber die Blogger-Online-Szene gefällt sich statt dessen nach wie vor in ihrer Zersplitterung und Eigenbrötlerei. So lange sich daran nichts ändert, wird sich auch die Problematik nicht ändern.

Schöner Artikel - das Problem

Schöner Artikel - das Problem ist nach wie vor ungelöst. Ich denke das mit der "großen, publikumsstarken Marke" können wir vergessen - denn dann wären alle, die jetzt Online schreiben, schon beim Print vor der Tür gestanden.

Sind sie aber nicht, weil der Charme der Online-Publikation darin liegt, eben keinen Chefredakteur zu haben, einen Sachverhalt nicht genau in 1.500 Zeichen pressen zu müssen, keine Deadline zu haben und man zu all dem auch noch seine eigene Meinung frank und frei auf den Markt tragen kann.

Deswegen wird es bei Eigenbrötlerei und Zersplitterung und bei dem Gieren nach den vorderen Plätzen in den Rankings bleiben. Weil die vornedran kriegen ein bißchen was aus dem Anzeigentopf.

Vielleicht wird das

Vielleicht wird das irgendwann ja zur Entscheidungsfrage: Will man ernsthaften Weinjournalismus betreiben - und dazu bedarf es der entsprechenden Mittel - oder begnügt man sich damit, eine Weile seinem Hobby zu frönen. Hic rhodus, hic salta! Die Argumente mit dem Chefredakteur, der Deadline und den 1.500 Zeichen treffen übrigens nur beschränkt zu, denn die technischen Möglichkeiten des Online-Publizierens erlauben es gerade, diesen Zwängen zu entgehen. Auch unter einer starken Dachmarke!

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