WorldWine Blog

15. Dezember 2010

Neuer Glaubenskrieg? Heiße Weihnacht im Piemont

von Eckhard Supp - Als ich vor einigen Tagen eine PR-Mail von der Piemonteser Kellerei Fontanafredda, dem mit Abstand größten Barolo-Erzeuger, erhielt, war ich schon nach kurzem Überfliegen des Textes zur Überzeugung gelangt, dass die Sache ziemlich unbedeutend und es nicht Wert war, sich wirklich mit ihr zu beschäftigen. Selten hatte ich mich so getäuscht, denn die Ankündigung führte zu einer der heftigsten Diskussion, die die italienische Weinszene in den letzten Jahren erlebt hat.

Was war passiert? Die Kellerei aus Serralunga d'Alba hatte schon vor dem Vermarktungsbeginn des Weins, eines Verschnitts aus Dolcetto, Barbera und Nebbiolo namens Già (deutsch: ´"schon") und auch bevor der Film im Fernsehen gezeigt wurde, einen TV-Spot öffentlich gemacht, der den einen oder anderen Weinkritiker - allen voran Franco Ziliani, der sich gern selbst als "Heckenschützen" (franco tiratore) bezeichnet - in fast schon heilige Zornausbrüche trieb. Den gut gemachten, sehr sympathischen Spot kann man übrigens auf YouTube ansehen.

Già - ein italienischer Aufreger

"Verrat" und "Skandal", schrie Ziliani auf seinem Blog, und warf Fontanafredda-Eigner Oscar Farinetti, einem Turiner Unternehmer, unter anderem Weingutsbesitzer und Gründer des Turiner Foodtempels "Eataly" mit Zweigstellen in Tokyo, New York etc., vor, die Ideale des Piemonteser Weinbaus zu schänden. So heftig war seine Reaktion, dass sogar Italiens Starwinzer Angelo Gaja sich zu einer Antwort hinreißen ließ, in der er, obwohl bestimmt nicht des industriellen Weinmachens verdächtig, den neuen Wein und seine Macher in gewisser Weise verteidigte.

Die Vorwürfe Zilianis gingen in zwei Richtungen: Zum einen kritisierte der die Machart des neuen Weins, der nicht nur mithilfe modernster Kellertechnik und -chemie so getrimmt wird, dass er schon zum Winteranfang gefüllt werden kann, sondern auch noch über Osmosefilter teilweise entalkoholisiert wird, und bei der Füllung nicht mehr die 13 natürlichen, sondern nur noch 11 Vol.-% aufweist.

Darüber hinaus erregte die Art der Werbung Zilianis Zorn, denn in dem vorab präsentierten Spot schwärmt der Patriarch einer alteingesessenen Familie von Serralunga d'Alba, einer der historischen Gemeinden des Barologebiets, von dem neuen, leichten und früh vermarktbaren Wein als einer Art Reinkarnation einer alten Tradition des Gebiets.


Blick von La Morra auf Castiglione Falletto und Serralunga d'Alba im Barologebiet (Foto: E. Supp)

Was die Traditionen des Barologebiets mit einem Wein absolut industrieller Machart zu tun hat, fragt Ziliani dabei vielleicht zu Recht. Allerdings ist die Frage auch ein wenig schief gestellt, denn sie unterstellt, dass es im Barologebiet nur die Tradition des Barolo gäbe. Tatsache ist, dass in den Hügeln der Langa eine Reihe anderer Weine erzeugt werden und wurden - man denke nur an den Dolcetto, der früher meist schon wenige Monate nach der Ernte verkauft und getrunken wurde.

Industriewein und Werbung mit Traditionen - darf man das?

Was die Machart des Weins angeht, so mag man sie - wie jede Art industriellen Weinmachens - ablehnen, aber es ist auch eine Tatsache, dass heute fast alles, was auf der Billigschiene angeboten wird, aus Weinfabriken stammt. Einen Grund, sich jetzt besonders über den Già von Fontanafredda - der übrigens nicht einmal besonders billig ist und in Italiens Supermärkten 9,50 EUR kostet - aufzuregen, sehe ich dabei nicht.

Bliebe noch die Tatsache, dass dieser "Industriewein" mit Bildern eines traditionsverwurzelten Piemonts beworben werden, aber auch das ist wohl eher nichts (!) Ungewöhnliches. Schließlich geht es bei Werbung immer um Emotionen, und einen Wein damit zu bewerben, dass er aus einem Riesen-Stahltank kommt und mit moderner Technologie gemacht wurde, wäre wohl nicht besonders intelligent. Immerhin wurde für das Testimonial ja auch kein Winzer "verwurstet" - so wie es deutsche Starküche bei der Werbung für Knorr und Herta mit sich machen lassen, wenn das Honorar stimmt -, sondern einfach ein alter Mann aus einem Dorf wenige hundert Meter abseits der Kellerei, aus der der Wein stammt.

Wie also erklärt sich die heftige Diskussion, die der neue Piemonteser Wein schon vor seinem Vermarktungsbeginn ausgelöst hat? Sie wird nur auf dem Hintergrund eines Glaubenskriegs verständlich, der seit einigen Monaten - wieder einmal, muss man schon sagen - in der Weinpresse des Landes tobt. Es ist ein Krieg, in dem sich unversöhnliche Fronten gegenüberzustehen scheinen: Reinsortiger oder mit französischen Rebsorten verschnittener Brunello, Barrique oder großes Holzfass bei Barolo und Barbaresco, Super-Tuscans oder traditioneller Chianti in der Toskana, traditioneller oder moderner Amarone, so ungefähr heißen die Schlachtfelder, auf denen sich nicht nur Weinmacher und Weinjournalisten, sondern gelegentlich auch mal Staatsanwälte und Richter tummeln.

Wenn ich ehrlich bin, halte ich viele dieser Diskussionen sachlich und inhaltlich für ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Dass sie dennoch statt- und ein solches Echo finden, hat allerdings damit zu tun, dass sich Italiens Weinbau nach dem Boom der 1980er- und 1990er-Jahre mit einer Art neuer Identitätsfindung konfrontiert sieht. Nicht mehr Weine im internationalen Stil werden in Zukunft gefragt sein, sondern authentische Weine mit Charakter, Terroir sozusagen.

Aber: Diese Suche nach einer neuen Identität ist viel komplexer als sie diese Art simplizistischer Glaubenskonfrontationen aussehen lässt. Nein, es geht nicht darum, dass nur der 100%ige Sangiovese-Brunello der echte ist - einmal abgesehen davon, dass es ein Schmarrn ist, zu behaupten, man könne insbesondere bei den wertvollen, sehr alten Weinbergen für 100%ige Sortenreinheit garantieren. Nein, es ist auch nicht richtig, dass nur der Nebbiolo aus dem großen Fass den "echten" Barolo hervorbringt, denn die Sorte hat einen so dominanten Eigencharakter, dass sie nach den notwendigen Reifejahren auch den Geschmackseinfluss von neuem Holz wegstecken kann.

Deshalb glaube ich, dass die Italiener weit besser beraten wären, wenn sie sich wirklich - so wie das ja tatsächlich viele abseits der ideologischen (Schein)Debatten in ihrer alltäglichen Arbeit tun - darauf konzentrieren würden, für jede Appellation, für jede Weinbergslage das komplexe, diffizile und delikate Gleichgewicht aus Boden, Klima, Rebsorten und Kellerarbeit ausfindig zu machen, das allein ihren Weinen Unverwechselbarkeit, Terroir verleiht.

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