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17. September 2012

Österreich: Kein Licht am Ende des Tunnels - 2

von Eckhard Supp - Dass die britische Weinzeitschrift Decanter Schwierigkeiten mit Zahlen hat, haben wir bereits in der Vergangenheit mehrfach feststellen müssen, und eigentlich wäre das gar keine Meldung mehr wert. Eigentlich! Beträfe das jüngste Beispiel für die Zahlenakrobatik der Briten nicht ein Thema, das wir in den letzten Monaten wiederholt aufgegriffen haben: die Statistiken der österreichische Weinbranche. "Austria faces huge quantity drop after devastating conditions earlier this year" (Österreich vor enormen Mengenverlusten nach den verheerenden (Wetter)Bedingungen vor einigen Monaten) ist der Artikel überschrieben, in dem "The world's best wine magazine", wie man sich an der Londoner Southwark Street in vornehmem Understatement selbst nennt, die Ernteprognosen der Österreicher referiert.

Von Verlusten in der Größenordnung von einem Drittel gegenüber dem Vorjahr ist da die Rede, und für das Weinviertel wird sogar von einem Ertragsrückgang in Höhe von 43 % gesprochen. Was die Briten in ihrem sensationell klingenden Stück nicht erwähnen: der letzte Jahrgang, auf den sie sich beziehen, war der mengenmäßig zweitstärkste der letzten 15 Jahre (1998 - 2012) und ist insofern als Vergleichsmaßstab in einer wirklich seriösen statistischen Betrachtung alles andere als geeignet.

Mit seiner Meldung trifft Decanter zwar exakt den Tenor der Verlautbarungen der Österreich Wein Marketing ("Nach den stark dezimierten Erntehoffnungen für 2012...")  die wir vor wenigen Tagen zitierten. Tatsache ist aber, dass die erwarteten 2,2 Mio hl, die Österreich heuer als Erntemenge erwartet, in einer längerfristigen Betrachtung mitnichten so katastrophal aussehen, wie Decanter es seinen Lesern verkaufen möchte.

Tatsächlich liegt der erwartete Ertrag, der mit dem von 2005 und 2006 vergleichbar sein dürfte, um knapp 10 % unter dem Durchschnitt des aktuellen Quinquenniums (2008 -  2012) und sogar um 13,6 Prozent unter dem der letzten 15 Jahre (1998 - 2012), aber gegenüber dem tatsächlich katastrophalen Jahrgang 2010 (nur 1,74 Mio. hl) wirkt er fast schon wieder wohltuend groß, wie sehr auch immer einzelne Regionen stärker gelitten haben mögen.

So schlecht, wie man es in Österreich gerne glauben machen möchte, und wie es die Briten offenbar nur allzu gerne verbreiten, waren nämlich die letzten Jahrgänge keineswegs. Der aktuelle Fünf-Jahres-Zeitraum liegt gerade mal 2,5 % unter dem vorhergegangenen (2003 - 2007) und nur 6,7 % unter den Jahren 1998 - 2002. Vergleicht man nur die Jahre 2008 bis 2011, also unter Ausschluss des aktuellen 2012ers, mit der vorhergegangenen Fünf-Jahres-Periode, so sind beide Zeiträume sogar fast deckungsgleich: im Schnitt wurden jeweils 2,47 bzw. 2,48 Mio. hl eingefahren. Und das, obwohl 2010 wie erwähnt die mit Abstand niedrigste Erntemenge seit langem eingebracht wurde. Angesichts des starken Exportrückgangs, der seit 2010 anhält, sind weder die Zahlen für dieses Quinquennium jedenfalls keine, die den Winzern und Verantwortlichen im Lande größeres Kopfzerbrechen bereiten sollten. Allemal sind "nur" 2,2 Mio. hl keine Menge, die in irgendeiner Weise die anhaltende Export-Malaise erklären kann.

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