WorldWine Blog

14. September 2011

Weinexport: Wenn ich ein Ösi wär ...

von Eckhard Supp - Hoch her ging es in der deutschen Weinpublizistik in diesem Frühsommer, nachdem der Weinjournalist Mario Scheuermann (hier ... und hier ...) und ich selbst (hier ...) über den dramatischen Rückgang des österreichischen Weinexports in Richtung Deutschland berichtet hatten. Ein ganz schlauer Kollege warf uns seinerzeit sogar vor, die Zahlen dieses Niedergangs nur aus persönlichen Motiven (welchen, definierte er nicht näher) veröffentlicht zu haben, aus Österreich selbst dagegen ernteten wir nur die Bemerkung, eigentlich sei die Situation gar nicht so schlecht, nur das Billigsegment sei aufgrund der schwachen Erntemengen der letzten Jahre eingebrochen.

Nun hatten unsere damalige Erhebungen tatsächlich ein, wenn man so will, gravierendes Manko - zumindest in den Augen der Österreicher -, denn sie basierten auf den Angaben des (deutschen) Statistischen Bundesamtes, das aber nur Exporte größerer Mengen erfasst und beispielsweise den gewaltigen Kofferraumexport unberücksichtigt lässt. Das dies die Tendenz, um die es Scheuermann und mir gegangen war, kaum berührte, schien dabei kaum einen der Kritiker zu stören. Um so besser aber, dass die Österreiche Weinmarketing jetzt eigene Exportzahlen für das erste Halbjahr 2011 vorlegte, und dass wir auch auf die definitiven Zahlen für die Erntemengen der letzten Jahre zurückgreifen können.

Schauen wir zunächst einmal auf die Erntemengen: 2010 wurden insgesamt 1,737 Mio. hl gelesen, was, wie die Österreicher richtig sagen, dramatisch unterhalb der Menge der Vorjahre lag. Schon für 2009 aber trifft diese Erklärung nur sehr bedingt zu, denn mit 2,351 Mio. hl lag dieser Jahrgang nur wenige Prozent - nicht mehr, als von normalen Jahrgangsschwankungen zu erwarten ist - unterhalb des 5-Jahres-Schnitts der Jahre 2005 bis 2009, der bei 2,498 Mio. hl gelegen hatte. Da der Exporteinbruch der Österreicher aber bereits im Juni/Juli 2010 begann, erscheint es einigermaßen abenteuerlich, ihn ausschließlich auf den mengenschwachen Jahrgang 2010 zurückzuführen, der ja erst Monate später geerntet wurde.

Aber die jetzt veröffentlichten österreichischen Zahlen geben noch mehr Anlass zum Kopfschütteln. Schon die Gesamtschau - diesmal nach österreichischen Zahlen - ist nicht besonders rosig. So sank der Gesamtexport nach Deutschland von 23 auf 16 Mio Liter, also um etwa 30 %, und auch beim Umsatz blieb insgesamt noch ein kleines Minus von 4 % übrig. Der relative Wertgewinn des Gesamtexports (1,52 --> 2,12 EUR/l) lag dadurch bei immerhin 39,5 %. Betrachtet man nur das Segment der Qualitätsweine in Gebinden unter 2 l - ein Segment, das nach Rechnung der Österreicher eigentlich aus der Situation zumindest relativ gesehen hätte profitieren müssen, so ergibt sich aus dem Mengen- (9,4 --> 7,4 Mio l) und dem Umsatzverlust (19,4 --> 18,8 Mio. EUR) zwar auch noch ein relativer Wertzuwachs von 25 % (2 --> 2,5 EUR/l), aber der liegt merkwürdigerweise schon deutlich niedriger als der des bezifferten Gesamtexports.

Insgesamt zeigt sich, dass sich die einzelnen Waren- bzw. Preissegmente so unterschiedlich entwickelt haben, dass jede pauschale Erklärung vom Stil "schwache Erntemenge" obsolet ist. So hat beispielsweise das Segment der Perlweine 2011 gar nicht verloren, sondern um etwa ein Drittel zugelegt, ist bei den weißen Qualitätsweinen (Gebinde mit < 2 l) ein enormer Einbruch (6,3 --> 4,6 Mio l) zu verzeichnen, während das Segment der roten Qualitätsweine relativ stabil bleibt. Bei den "anderen" Weinen (< 2l) legen die Weißen sogar deutlich zu (1,5 --> 2,2 Mio. l), während die Roten ihrerseits deutlich nachlassen (2,1 --> 1,7 Mio l.).

Noch komplexer ist die Betrachtung der relativen Wertentwicklung. Insgesamt haben die weißen und roten Qualitätsweine in Gebinden unter 2 l rund 25 % der Menge und 0,3 % im Umsatz verloren - zu behaupten, der Einbruch habe nur den Fass- und Billigmarkt betroffen, erscheint also erneut ziemlich abenteuerlich.  Das wird auch deutlich, wenn man den Anteil dieser Qualitätsweine am Gesamtexport betrachtet. Der stieg zwar für das Absatzvolumen von 40 auf 46 %, aber sein Anteil am Gesamtumsatz blieb mit ca. 55 % stabil.

Mein Fazit: Wäre ich ein Österreicher und hieße ich nicht gerade zufällig F.X. Pichler, Knoll, Krutzler, Tement oder Kolwentz, hätte ich schon seit einiger Zeit begonnen, mir ernsthafte Sorgen zu machen. Und ginge nicht mit triumphalistischen Meldungen vom Stil "Weinexport trotz knapper Mengen weiter auf Erfolgskurs" in die (deutsche) Öffentlichkeit. Fast erleichtert scheint die ÖWM in der zu diesem Titel gehörenden Pressemitteilung, dass man es zunehmend schaffe, "den österreichischen Wein aus dem Schleudergeschäft herauszuhalten". Merkwürdig! Was eben noch ein bedauernstwerter Ernteausfall schien, wird da zur flugs zur erklärten Marktstrategie gemacht.

Und noch etwas: Wenn man einmal unterstellt, dass in der Vergangenheit die einfacheren Weine im Fass- oder Billigsegment gelandet sind, dann kann man doch wohl im Umkehrschluss kaum davon ausgehen, dass 2010, als für diese Segmente kein Wein zur Verfügung stand, wie durch Gottes Hand auch plötzlich auch kein einfacher Wein mehr vermarktet werden musste. Vielmehr dürfte es ja eher so sein, dass auch die Basisqualitäten dieses Jahrgangs im höherpreisigen Marktsegment landeten ... mit allen Konsequenzen, die das in den kommenden Jahren haben dürfte: Im Schnitt (!) schlechtere Weine zu im Schnitt (!) deutlich höheren Preisen? Ich habe noch von keinem Weinmarkt gehört, auf dem so etwas auf Dauer ein Erfolgsrezept gewesen wäre.

Vor allem aber: Was machen die Österreicher denn, wenn sie in diesem oder kommenden Jahren wieder normale oder sogar üppige Ernten einfahren können? Den Fass- und Billigmarkt einfach wieder erobern, den andere zwischenzeitlich besetzt haben? Als ob das so einfach wäre!


Fand ich noch nie in Ordnung,

Fand ich noch nie in Ordnung, dass uns unsere nördlichen Nachbarn den Wein wegsaufen. Es gibt aber in Deutschland genügend Weine, um Revanche zu üben :-))

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