WorldWine Editorial

EU-Reform: Das Ende der Steillagen?

(Oktober 2010) - Wer in den letzten Monaten Weinfachpublikationen gelesen oder sich mit Weinbaufunktionären unterhalten hat, fand sich wiederholt mit einem angeblich "ganz heißen" Thema konfrontiert: der im vergangenen Jahr verabschiedeten europäischen Weinmarktreform. Sie bedrohe in letzter Konsequenz, so hieß es unisono, die Steillagen - vor allem die deutschen - und damit einen wesentlichen Bestandteil unserer Weinbaukultur. Eine ernste Gefahr also, diese Reform?

Das zumindest scheint ein gewisser Aktivismus zu suggerieren, der ebenfalls in den letzten Monaten festzustellen war: ein Weingipfel in Mainz, bei dem 180 Weinbau-Offizielle aus Deutschland, Luxemburg, Österreich, Frankreich, Südtirol (warum heißt das nicht Italien?) und Rumänien "deutliche Signale in Richtung EU" senden sollten, Pressekonferenzen des rheinland-pfälzischen Landwirtschaftsministers, Stellungnahmen seines Chefs, Kurt Beck, rege Diskussionen im einen oder anderen Internetforum und Stellungnahmen gegen die Reform durch die deutschen Weinbauverbände. Dass da der eine oder andere, die sich zu Wort meldeten, in dieser Reform sogar Chancen für den deutschen Weinbau sahen, wie beispielsweise der Präsident des VDP, ging im allgemeinen Getöse fast unter, wie übrigens auch die Tatsache, dass einige derjenigen, die jetzt am lautesten gegen die Reform protestieren, an ihrem Entwurf und ihrer Verabschiedung mitgewirkt haben.

Dieser Aktivismus erstaunt, richtet er sich doch vordergründig gegen eine Weinmarktordnung, die bereits vor Jahren von Europas Politikern beschlossen und sogar schon vor mehr als einem Jahr in Kraft getreten ist. Gilt, was man derzeit gerne Deutschlands Bürgern vorwirft, dass sie nämlich immer zu spät aufwachen, wenn es um politisch beschlossene Großprojekte gehe (Stuttgart 21, Moselbrücke etc.), etwa auch für den deutschen Weinbau und seine Vertreter?

Multis ante portam

Nun, zumindest, was die Zeitplanung angeht, werden Deutschlands Weinbaupolitiker spät, aber - zumindest hoffen viele das - noch nicht ganz zu spät wach. Denn obwohl bereits im Prinzip seit 2009 Gesetz, soll die Aufhebung des geltenden Anbaustopps und die Freigabe der Pflanzrecht erst 2012, mit Ausnahmeregelungen, Fristverlängerungen und dem üblichen politischen Firlefanz sogar erst 2016 oder 2018 in Kraft treten. Und manch einer glaubt, auch diesen Termin mit entsprechender Lobbyarbeit noch nach hinten verschieben zu können.


Escherndorf und seine berühmte Steillage, der Lump - eine vom europäischen Weinrecht bedrohte Kulturlandschaft, befürchten viele Weinbaufunktionäre.

Das, so wird der neugierige Chronist landauf, landab belehrt, sei auch gut so, denn man wisse beispielsweise, dass in Franken internationale Weinkonzerne bereits Gewehr bei Fuß stünden, um auf den Hochebenen des Maindrei- und -vierecks bis zu 2.000 ha Ackerfläche in lukrative Rebgärten zu verwandeln, die dann in maschineller, d. h. billiger Bearbeitung auf Höchsterträge getrimmt werden könnten.

Das, da hätten die Bedenkenträger tatsächlich Recht, würde dann wirklich viele kleine und kleinste Winzerbetriebe, die mühselig und kostenintensiv ihre Miniparzellen in den Steillagen der Region bewirtschaften, in große Not bringen. Denn der prognostizierte Weinsee würde, das sieht das deutsche Bezeichnungsrecht nicht anders vor, ja auch unter dem Namen der Anbaugebiete Franken, Rheinhessen etc., vielleicht sogar unter Bereichs- und Großlagennamen, die in Deutschland eh niemand von denen der Einzel- und Steillagen unterscheiden kann, vermarktet. Dass die Önologenheere der Weinindustrie in der Lage wären, Weine zu fabrizieren, die mühelos auch die Hürde der Weinkontrolle zu nehmen, bezweifelt - wieder zu Recht - niemand.

Es gibt natürlich, aber darüber reden Winzer und ihre Funktionäre nicht allzu oft, noch einen zweiten Grund, warum eine derartige Ausweitung der Rebflächen den mühsamen Steillagenweinbau gefährden würde: die immer noch weithin kärgliche Qualität vieler Weine, die zwar aus diesen Steillagen stammen, sich geschmacklich aber kaum von der Plörre aus den Flußniederungen und von den besseren Ackerflächen unterscheiden. Was dem Winzer dann noch bliebe - und damit natürlich auch dem Verbraucher -, um den neuen Weinsee von Steillagenweinen zu unterscheiden, wären allenfalls noch privatrechtliche Markenbezeichnungen wie die des Großen Gewächses oder zum Glück heute mehr oder weniger bedeutungslose Worthülsen wie Hochgewächs, Classic oder Selection.

Selbst ausgetrickst

Da würde sich - und auch darüber sprechen Winzer natürlich nur ungern - dann rächen, dass Deutschlands Weinbaufunktionäre nach Verabschiedung bzw. in Krafttreten der neuen Weinbauordnung, in Windeseile die Annahme ihrer althergebrachten Weinbezeichnungen - Anbaugebiete, Lagen und Qualitätsstufen - durch die EU und deren Gleichstellung mit den neuen Weinrechtskategorien erwirkten: Sämtliche deutsche Weinbaugebiete wurden 1:1 als Ursprungsbezeichnungen anerkannt, und damit glaubte man, der notwendigen - und sinnvollen! - Anpassung an das romanische Weinrecht mit seinen Herkunftsbezeichnungen entkommen zu sein. [...]


Ich hoffe da werden mal

Ich hoffe da werden mal langsam einige Leute wach. Unsere Konkurrenten sind es schon lange. Die sind hellwach.

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