WorldWine Editorial

Quo vadis Europa? Pflanzrechte und Markenweine

(November 2011) - Obwohl die Verantwortlichen der EU erst kürzlich (s. hier...) ihre prinzipielle Position in der Frage der Liberalisierung der Pflanzrechte bekräftigten, dabei allerdings den einzelnen Mitgliedsländern die Möglichkeit signalisierten, eventuelle Beschränkungen selbst verwalten zu können, hat sich das CDU-Mitglied im hessischen Landtag, Peter Seyffardt, im Hauptberuf Besitzer des Diefenhardt'schen Weinguts in Eltville-Martinsthal, jetzt erneut zu Wort gemeldet. Seyffardt bekräftigt seine prinzipielle Opposition gegen die geplante Aufhebung der Pflanzrechtsbeschränkungen, eine Position, die uns in letzter Zeit so oft und so massiv kundgetan wird, dass man eigentlich nur noch versucht ist, sie immer sofort zu entsorgen.


Deutschland verfügt nur noch über minimale Pflanzrechte, ganz anders als beispielsweise Spanien, Frankreich, Italien oder auch Österreich. Regionen wie das süditalienische Apulien - im Foto die Trulli von Alberobello - könnten vom Stopp der Liberalisierung profitieren. (Foto: E. Supp)

Denn die Argumente sind bekannt. Was dagegen deutlich weniger bekannt ist, ist die Tatsache, dass die aktuellen Pflanzrechtsbeschränkungen keineswegs automatisch eine Beibehaltung der aktuellen Rebfläche, des Status quo bedeuten. Der würde allenfalls in Deutschland eingefroren, wo die verfügbaren, noch nicht genutzten Pflanzrechte nur gut 3.700 ha (Stand 2010/11) betreffen - gerade 3,5 % der aktuellen Gesamtrebfläche. Ganz anders das Bild in den anderen weinbautreibenden Ländern der EU: Spanien verfügt noch über knapp 100.000, Frankreich über fast 70.000 und Italien über gut 50.000 ha so genannter Pflanzrechtsreserven - das sind Flächen, auf denen auch bei einer Aufrechterhaltung der aktuellen Beschränkungen schon morgen wieder Reben gepflanzt werden könnten. In Österreich ist die verfügbare Fläche in absoluten Zahlen zwar kleiner, aber die knapp 14.000 ha stellen immerhin fast ein Viertel der aktuell bewirtschafteten Fläche dar. Alle EU-Pflanzrechtsreserven zusammen genommen ergeben die gigantische Fläche von knapp 300.000 ha - das ist fast drei Mal der gesamte deutsche Weinbergsbestand!

Der Weinmarkt der Zukunft

Dies alles war von nur geringer Bedeutung, so lange der weltweite Weinsee gut gefüllt war, das Angebot die Nachfrage deutlich überstieg. Da gab es nämlich gar keinen Grund, die noch verfügbaren Reserven zu nutzen, neue Weinberge anzulegen. Sollte der aktuelle Trend von einem Käufer- hin zu einem Verkäufermarkt allerdings von Dauer sein, dann könnte die Sache schon bald anders aussehen. Dann wären Nationen mit großen Pflanzrechtsreserven deutlich leichter in der Lage, die Nachfrage zu befriedigen als unsere deutschen Anbaugebiete. Alle anderen dürften dann nachpflanzen, wir nicht!

Als Begründung für ihre hartnäckige Opposition bringen deutsche Winzer, vor allem aber deutsche Weinbaufunktionäre meist vor, eine vollständige Freigabe der Weinbergsneuanlagen würde den deutschen Qualitätswein, insbesondere den in den (in der Bewirtschaftung) teuren Steillagen gefährden. Dass dieses Argument - einmal abgesehen von der Tatsache, dass viele der größten Weine der Welt gar nicht von Steillagen stammen - nur wenig stichhaltig ist, haben wir auf diesen Seiten bereits erörtert. Die oben genannten Zahlen lassen es noch absurder erscheinen, als es bisher schon war. Auch der Mosel hat keine Pflanzrechtsbeschränkung ihre Hunderte, Tausende Hektar Steillagenflächen retten können, die sie in den letzten Jahren und Jahrzehnten verloren hat.

Vor allem aber fußt das Argument auf einem totalen Unverständnis der weltweiten Weinmarktsentwicklung, wie sie sich für das nächste Jahrzehnt abzeichnet: der immer stärkeren Aufspaltung in einen von Großkellereien bedienten Massenmarkt, der von millionenfach gefüllten Markenweinen (Yellow Tail etc.) beherrscht wird, und einen individuelleren, herkunftsbetonteren Markt von Premium und Super Premium Produkten. Dieser Massenmarkt, vor dem die Deutschen - und nicht nur sie, wie die aktuellen AREV-Verlautbarungen zeigen - Angst haben, zeichnet sich aber genau dadurch aus, dass Herkunftsangaben auf ihm eine immer geringere Rolle spielen, während sie im Premium- und Super-Premium-Bereich nach wie vor wichtigstes Kaufkriterium bleiben. In diesem Massenmarkt zählen allenfalls die Rebsorte und der Markenname.

Angst essen Seele auf

Die Franzosen machen gerade vor, wie eine Anpassung an dieses erwartete Marktszenario funktionieren kann. Einerseits schweben ihre Spitzengewächse von Preisrekord zu Preisrekord, andererseits haben sich sich mit der Herkunftsbezeichnung Vin de France ein Instrument geschaffen, um wirklich auf dem Massen- und Markenmarkt mitspielen zu können. Der vielgeschmähte Beaujolais Nouveau war ein (sehr früher) Vorbote dieser Entwicklung, heute heißen die Produkte Prickly French und Villa Chambre d'Amour, wie Suzanne Mustacich von AFP gerade erst berichtete. Unter solchen Namen werden Verschnitte aus allen Regionen des Landes vermarktet; die Rebsorten entsprechen dem jeweils herrschenden Trend.

Glaubt hierzulande irgend jemand wirklich ernsthaft, Frankreich würde, wenn solche Weine Erfolg haben, etwa nicht gnadenlos und bedenkenlos die noch vorhandenen fast 70.000 ha Pflanzreserve nutzen? Dort hat man solche Reserven, hier hat man sie nicht! Und glaubt jemand ernsthaft, man bräuchte, um diese Weine abzusetzen, Herkunftsbezeichnungen wie Bordeaux, Côte de Nuits oder Anjou, etwas wovor Franken, Rheinhessen, Rheingauer und Badener so ungeheuer viel Angst zu haben scheinen? Nein, ihnen reicht ein einfaches "Vin de France", um ihr Geschäft zu machen. Etwas anderes wäre auch gar nicht möglich, denn Franzosen, Italiener oder Spanier haben ihre Appellationen schon lange geschützt, haben ihre Hausaufgaben gemacht. In ihren wichtigen Anbaugebieten kann, anders als in deutschen Anbaugebieten, auch nach einer Liberalisierung der Pflanzrechte gar nicht jeder Kartoffelacker in Rebland umgewandelt werden, es sei denn, die Winzer wünschten und beschlössen es selbst.

Zwischen den Stühlen

Nun könnte man sagen, mit dem Massenmarkt wollen wir gar nichts zu tun haben. Das allerdings wäre eine fatale Haltung - es würde das Ende vieler deutscher Weinbaubetriebe bedeuten. Sich dem entstehenden Markenmarkt, vor allem dem für qualitativ gute Weine mit starkem Markenimage und deutlich höheren Preisen, als sie das deutsche Preiseinstiegssegment bietet, zu verweigern, ist nichts anderes als Maschinenstürmerei. Denn, Hand aufs Herz, wissen wir nicht alle, dass ein Gutteil der deutschen Trauben sich qualitativ nicht einmal für solche Markenweine eignet? Warum sonst kämen die Fasspreise hierzulande schon seit langem nicht mehr so richtig aus dem Keller - konjunkturelle Schwankungen einmal nicht berücksichtigt? Deutsche Großkellereien - ich spreche jetzt nicht von Abfüllern der gigantischen Mengen aus dem Ausland importierter Fassweine - können auf diesem Markenmarkt im Moment ebensowenig mithalten, wie die großen Genossenschaften, die immer noch den Widerspruch zwischen ihrer schieren Größe und der Kleinteiligkeit ihres Sortiments kultivieren. Beider Weine sind nicht konkurrenzfähig und riskieren, vom Markt zu verschwinden - von den internationalen Märkten sind sie es schon.

Glaubt denn jemand ernsthaft, ein internationaler Weinmulti würde angesichts der aktuellen Traubenpreisen wirklich in  Weinbergsfläche und Weinbergsarbeit eines Hochlohnlandes investieren? Oder vielleicht die Weine hunderter, wenn nicht tausender Kleinstwinzer aufkaufen, um aus ihnen international marktfähige Produkte zu erzeugen? Diese Konzerne kaufen billige Trauben, Moste oder Weine standardisierter Qualität großer Anbieter, wenn sie sie bekommen, und sonst gar nichts. Solche Qualitäten werden ihnen in Zukunft die Spanier, Italiener, Franzosen, Südafrikaner oder Chilenen verkaufen. Wir sind da, den Pflanzrechten sei Dank, außen vor.

Es ist schon Vieles merkwürdig in diesem Land, in dem die Weigerung, den riesigen Markenmarkt zu bedienen, Hand in Hand mit der Unfähigkeit einherkommt, den Spitzen- und Kultmarkt zu erobern. Ich erinnere mich noch gut an den wirren Blick des Winzers, dem ich erklärte, mit seinem wirklich grandiosen Wein in der ultra-wertigen Aufmachung werde er international erst ernst genommen, wenn er ihn für mindestens 80 oder 100, nicht aber für 20 Euro anbiete. Den einen oder anderen Winzer mag es geben, der schon in diese Preisregion hineingeschnuppert hat, aber das sind Ausnahmen, die man fast an den Fingern einer Hand abzählen kann.

Irgendwie wirkt der deutsche Weinbau immer noch wie eine späte Reinkarnation der Gleichmacherei vergangener Tage. Alle wollen lieb und nett sein, aber irgendwie auch nur Mittelmaß. So, liebe Winzer, werdet ihr nicht den Anschluss an die Entwicklung des Weltmarkts schaffen, sondern euch immer weiter ins Abseits manövrieren. Quo vadis Deutschland, hätte die Frage aus unserem Titel vielleicht dann doch eher heißen müssen!
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Nachtrag: Mario Scheuermann

Nachtrag: Mario Scheuermann weist mich gerade auf einen interessanten Artikel im Newsletter "Wein aktuell" der Industrie- und Handelskammer Trier hin. Dort heißt es: "... zum Anderen scheint die Natur nicht unbedingt mehr regelmäßig große Ernten hervorzubringen, auch die Ernte 2011 und insbesondere die Ernte 2012 haben den Trend zu Ernten um 9 Mio. hl verstärkt. Dabei sei auf die Diskussionen rund um den Klimawandel hier nur kurz hingewiesen, aber auch in dem Zusammenhang ist nicht mit einem dauerhaften Anstieg der Erntemengen bei gleich bleibender Fläche in Deutschland auszugehen. Ob es angesichts dieser Zusammenhänge nicht doch angebracht wäre, über die Regelungen bezüglich der Pflanzrechte noch einmal detailliert nachzudenken? Keinem deutschen Marktbeteiligten kann es doch gleichgültig sein, ob wir weiter Regalfläche verlieren bzw. nicht im Stande sind diese zurück zu erobern." Dem ist wohl nichts hinzuzufügen.

Zu diesem Artikel gab es noch

Zu diesem Artikel gab es noch eine "nette Fortsetzung". Die Wirtschaftswoche hat auf ihrer Internetseite jetzt eine ziemlich substanzlose Betrachtung zu den Pflanzrechten gebracht und einen kleinen Sturm im Wasserglas geerntet:

https://www.facebook.com/enoworldwine/posts/451362664918267

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