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Weinlagerung: Ozean statt Keller


(19.10.2013) -  

"Ein auf dem Meeresgrund gereifter Wein ist immer komplexer und zeigt sich zugänglicher als sein Äquivalent an Land." Wohl gemerkt: Immer! Ob diese reichlich pauschalisierende Ansage nun aus der Originalverlautbarung stammt oder von den Redakteuren des Begerow-Newsletters getextet wurde - sie ist jedenfall so vollmundig wie suspekt. Der Zusammenhang: Ein kalifornisches Weingut, die Mira Winery aus dem Napa Valley, hat offenbar 2009 eine kleine Zahl Flaschen (48) von Tauchern in einem in 18 m Tiefe positionierten Container lagern lassen und diese Weine jetzt geborgen und verkostet. Aus einem (in Worten: EINEM) Versuch mit 48 (in Worten: ACHTUNDVIERZIG) Flaschen werden da Schlüsse auf "immer" gezogen?


... und die hätte man dann auch alle erst mal im Ozean versenken sollen, damit sie schneller zugänglich werden? (Foto: E. Supp)

Das Resultat dieser Verkostung jedenfalls muss die Macher ziemlich durcheinander gebracht haben, denn sie bescheinigen ihren Ozeanweinen jetzt sowohl größere Komplexität als auch größere Zugänglichkeit. Der Vergleich mit an Land gereiften Mustern desselben Weins ergab, dass sich "die landgereiften Weine ... dichter, die (im Wasser gereiften) dagegen komplexer, breiter, offener und entspannter ..." zeigten.

Ob es unter den Bedingungen des modernen Weinmachens, das den Weinen ohnehin schon viel raschere "Zugänglichkeit" beschert als dies früher der Fall war, überhaupt wünschenswert ist, die Weine noch schneller zur Trinkreife zu bringen, diskutiert der Artikel nicht. Genauso wenig wie die Frage, ob normales, d. h. natürlich auch um Jahre längeres Reifen an Land nicht letztlich doch noch größere Komplexität geliefert hätte - vorausgesetzt die Weine eigneten sich überhaupt dazu. Denn die beiden Chargen - Ozean und Land - wurden ja nicht zum Zeitpunkt ihres JEWEILIGEN geschmacklichen Höhepunkts verglichen, sondern zu einem Zeitpunkt, als die Ozeanweine offenbar schon gut gereift waren, die Kellerweine dagegen noch nicht.

Vollends absurd wird die "Forschung" der Mira-Weinmacher dort, wo sie behaupten, man müsse in Zukunft bei ozeangereiften Weinen von "Aquaoir" im Gegensatz zum "Terroir" sprechen. Einmal vom völligen Missverständnis des Begriffs Terroir abgesehen, der hinter solchen Behauptungen steckt: Was, bitte schön, will man uns damit sagen? Dass wir in Zukunft auf Etiketten nicht mehr auf Devonschiefer von der Mosel oder Kalkfelsen der Champagne, sondern auf Helgoländer Bucht, Felsklippen von Alcatraz oder Sydneyer Surf achten müssen? Und dass dies für die Geschmacksidentität der Weine entscheidende Angaben sein werden?

So sehr das alles jetzt auch "durch den Wind" klingen mag, ich höre den einen oder anderen PR-Strategen der Weinbranche förmlich schon mit den Hufen scharren ...

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