WorldWine Analyse

Ja zum Kultwein - EWW-Umfrage mit klarem Ergebnis

Es war ein mehr als eindeutiges Ergebnis, das auch unsere kühnsten Erwartungen deutlich übertraf: "Braucht Deutschland Kultweine mit klingenden Namen wie Grange, Pétrus oder Sassicaia?" hatten wir gefragt und knapp 200 unserer Leser, Erzeuger - sie allein stellten fast 60 % der Teilnehmer -, Wiederverkäufer und Endverbraucher, füllten unseren Fragebogen aus. Zwei Drittel der Umfrageteilnehmer gaben sogar mehr oder weniger ausführliche Antworten auf die beiden "Text"fragen, wobei allein diese Antworten ausgedruckt die stolze Summe von fast 40 Seiten füllten.


Der australische Grange von Penfolds ist der wohl bekannteste und älteste Kultwein der Neuen Welt. (Foto: E. Supp)

Ja, Deutschland brauche solche Kultweine, und ja, Deutschland solle auch (mehr) Weine im Super-Premium-Bereich vermarkten - dies der Gegenstand unserer zweiten Frage - meinten 83 bzw. 70 % der Teilnehmer. Sie seien eine absolute Notwendigkeit, um auf den internationalen Märkten Ernst genommen zu werden und könnten als Lokomotiven für den gesamten restlichen Weinbau fungieren oder, wie es ein Teilnehmer schrieb: "Super-Premium- oder Kultweine (recht unscharfe Begriffe) tragen zur internationalen Beachtung und zu erhöhten Marktchancen eines Weinlandes / Anbaugebietes bei", um dann aber gleich anzumerken: "Die deutschen Topweine haben diese weltweite Aufmerksamkeit überwiegend leider noch nicht (wieder)" erreicht.

Gewichtet man die Antworten der einzelnen Teilnehmergruppen nach deren numerischer Größe, d. h. rechnet man die Zahlen so hoch, als ob aus jeder der drei Gruppen gleich viele Antworten eingegangen wären, so ergibt sich immer noch ein deutliches "Ja" von 76 % bei der Frage nach den Kultweinen, 66 % bei der nach der Notwendigkeit teurer Super-Premium-Weine. Die weitaus meisten Teilnehmer waren übrigens davon überzeugt, dass Deutschland solche Weine auch erzeugen könne oder bereits erzeuge. 90 bzw. in der hochgerechneten Variante 87 % antworteten selbstbewusst, dass Deutschland hier durchaus etwas zu bieten habe bzw. bieten könne.

Was ist ein Kultwein?

Nun ist der Begriff des Kultweins zugegebenermaßen nicht sehr gut abgegrenzt und nicht einmal so durchgängig positiv besetzt wie das englische "icon wine", Weinikone. Manch einer der Teilnehmer merkte denn auch kritisch an, dass Kult bzw. kultig oft eine Konnotation von modisch, kurzlebig, vielleicht sogar oberflächlich habe und deshalb gar nichts Erstrebenswertes sein könne. Dennoch habe ich "Kultwein" dem etwas sperrigen Begriff der Weinikone vorgezogen, zumal durch die namentliche Erwähnung von "Grange, Pétrus oder Sassicaia" klar gewesen sein sollte, worum es in unserer Umfrage ging.

Sollte ich definieren, was ein Kultwein ist, so würde ich in bunter Reihenfolge aufführen: Er muss qualitativ unantastbar Spitze sein, muss einen möglichst kurzen, markenfähigen Namen tragen - in der Regel wird dieser Name aus einer, zwei oder maximal drei Silben bestehen -, muss weit über das Land und über Insiderkreise hinaus bekannt sein, repräsentativ für Region bzw. Appellation stehen und auch für fremde Sprachen ohne größere Unfälle auszusprechen sein, was bei "Oberrotweiler Käsleberg Weißer Burgunder Spätlese trocken" oder "Nimburg-Bottinger Steingrube" nur schwerlich vorstellbar ist. Dass er preislich im Super-Premium-Bereich angesiedelt ist, dass es für ihn einen Sekundärmarkt mit lebendigem Sammlerinteresse gibt, und dass er deshalb auch alterungsfähig sein muss, versteht sich von selbst. Kultweine werden gelegentlich in kleinen Stückzahlen erzeugt, wobei dies aber kein obligatorisches Kriterium ist, und sie sind in der Regel bekannter als ihre Erzeuger, wie dies beim italienischen Sassicaia quasi auf die Spitze getrieben der Fall ist: Fast jeder kennt Sassicaia, kaum jemand kennt die Namen Marchese Nicolò Incisa della Rocchetta oder Tenuta San Guido.

Aber kommen wir zurück zur Auswertung unserer Umfrage! Interessant ist, dass die Antworten der einzelnen Gruppen klar von ihren materiellen Interessen bestimmt waren. Während die Erzeuger zu 90 % von der Notwendigkeit von Super Premium- und zu 74 % von der von Kultweinen überzeugt waren, ist auf der Seite der Endverbraucher deutlich mehr Ablehnung oder Skepsis zu spüren. 36 % von ihnen sind gegen Super-Premium-Weine (des Preises wegen) und sogar 41 % möchten keine deutschen Kultweine sehen. Handel und Gastronomie liegen bei beiden Fragen etwa in der Mitte zwischen diesen Extremen.

Brauchen bzw. wollen wir teure Kultweine?

Die unterschiedliche Reaktion auf unsere beiden Fragen auf Seiten der Erzeuger spiegelt dabei offensichtlich die Tatsache wieder, dass viele von ihnen natürlich ihre Weine sehr gerne teurer verkaufen würden, sie aber auch wissen, dass die Sache mit dem Kultwein in Deutschland wesentlich schwieriger ist, dass es bis zum Erreichen eines solchen Status deutlich längeren Atems und größerer Investitionen bedarf. Deshalb beantworten auch 17 % der Erzeuger die erste, die Preisfrage mit ja und die zweite, die Kultweinfrage mit nein, während die umgekehrte Konstellation nur einmal vorkam.

Der Handel wiederum ist am skeptischsten, was die Fähigkeit der Deutschen angeht, überhaupt Kultweine hervorzubringen. 21 % der Teilnehmer aus dieser Gruppe wollen daran nicht glauben, bei den Endverbrauchern waren es nur 12 %, während sogar nur 4 % der Winzer sich sicher sind, das sei nicht zu schaffen. Und damit sind wir im Grunde auch schon bei den Fragen, zu denen wir um ausführlichere Antworten als nur einfaches "Ja-Nein" gebeten hatten. In diesen Antworten ging es dann so richtig zur Sache.

Knapp die Hälfte aller Teilnehmer, die sich Super-Premium- bzw. Kultweine in Deutschland wünschen, ist der Meinung, dass es diese noch nicht gibt. Die Gründe, die für diesen Zustand gegeben werden - sie waren Gegenstand dieser ersten Frage -, sind struktureller, historischer und "mentaler" Natur.

Beginnen wir mit den historischen Gründen. Die werden interessanterweise überproportional häufig von Handel und Gastronomie (H)*, weniger vom Weinbau, d. h. den Erzeugern (W) ins Feld geführt. "Nachkriegs-Süße", "Billigwein" und "Negativ-Image" - alles Probleme, von denen sich der deutsche Wein "nur langsam erholt" - sind die am häufigsten genannten Stichwörter, und diejenigen, die diese Analyse teilen, sind sich sicher, dass Deutschland noch "Zeit" braucht: Von "ein paar" bis "noch mindestens 20 Jahre(n)" oder "lange" reichen die Angaben, und nur ein einzige Erzeuger ist sich sicher, nur noch eine "kleine Durststrecke" vor sich zu haben.

Skepsis, was die Realisierungschancen angeht, spricht auch aus der längeren Antwort eines Erzeugers: "Mit den drei von ihnen genannten (Pétrus, Grange, Sassicaia E. S.) kann kein deutscher Wein mithalten. Warum? Weil hinter diesen Sorten Ideen und spezielle Geschichten stehen, die sicherlich zu einem Gutteil für den "Kult" sorgen. Zudem entwickelte sich deren "Kultcharakter" zu Zeiten, in denen Marketing einfacher und schwerer zugänglich als heute war, der Wettbewerb also geringer. Es war damals einfacher, diese Weine als etwas ganz Besonderes zu vermarkten ... Doch ich befürchte, auch langfristig haben die Deutschen da keine Chance. Und so qualitativ gut Weine von Weil und Co. auch sind - Langweilig sind sie eben auch. Und damit wird nichts, aber auch gar nichts zu Kult." [...]


Sorry, das ist doch wirklich

Sorry, das ist doch wirklich einfach nur für die Katz. Nicht nur, dass der Text nicht aufhören möchte. Die ganze Aktion ist doch einfach überflüssig, braucht kein Mensch. Sog. "Kult" (Willkommen in den 80/90er Jahren) entwickelt sich organisch; und nicht durch Quatschkonzepte. Das geht dann richtig nach hinten los. Sie haben sich ja bemerkenswerterweise hier richtigen Aufwand gemacht, aber die Grundidee ist doch wirklich nur fraglich...

Ihrem Einwand kann ich

Ihrem Einwand kann ich logisch nicht folgen, P. Hollmann. Nehmen Sie nur den vorletzten Absatz des Artikels: die Antwort auf die Frage, ob und wie "Kultweine" entstehen können, wird ausdrücklich einer weiteren Debatte zugeschrieben. Eine Festlegung auf "Quatschkonzepte" kann ich beim besten Willen nicht erkennen.

Der Artikel ist in jedem Fall

Der Artikel ist in jedem Fall lesenswert, interessant und regt zum Nachdenken über dieses Thema an. Die lange Jahre beworbene "Vielfalt aus deutschen Landen" war für eine solches Thema kontraproduktiv, sowohl national als auch einzelbetrieblich. Ein Umdenken hat in sehr vielen Betrieben aber schon stattgefunden. Zu bedenken ist aber: Viele, wenn nicht die meisten "Kult" Weine sind Einzelstücke, die mehr auf den Erzeuger bzw. die Handschrift des Kellermeisters/Weinguts fokussieren. Wo bleibt bei einem solchen "Kult" Ansatz, egal wie hoch man seinen Einfluss bewertet, das viel zitierte Terroir ? Ist am Ende das Können des Kellermeisters und die Leistung des betrieblichen Marketings, dies zu kommunizieren doch wichtiger als die ganz besondere Lage / Einzelparzelle ? Bei einem Riesling Clos St. Hune ist es beides, große Lage und meisterliche Weinbereitung. Bei Scharzhofberger von Egon Müller-Scharzhof darf man getrost das gleiche behaupten.

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