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Schwarz und Weiß: Südafrikas Weinbau im Kreuzfeuer

20 Jahre sind eine lange Zeit ... könnte man meinen, wenn man es aus der Perspektive des Individuums sieht. 20 Jahre sind überhaupt keine Zeit, lautete dagegen wohl das Urteil, überließe man dieselbe Zeitspanne der Betrachtung von Historikern, Ethnologen oder Archäologen. 20 Jahre, ein Jahr mehr oder ein Jahr weniger, sind seit dem Ende des Apartheidregimes in Südafrika vergangen - eine Generation, zumindest aber ein langer Lebensabschnitt. Und doch las man in den letzten Monaten, wie schon vor 20, 30 oder 40 Jahren, wie 1976 bei der Ermordung des Aktivisten Steve Biko, als ich im (fast) benachbarten Angola vom Bürgerkrieg berichtete, wie 1978, als ich Südafrika selbst, seine Zentren und Townships zum ersten Mal besuchte, wieder von sozialen Unruhen, von Streiks, Demonstrationen und Toten durch Polizeieinsätze. Auf schon fast unheimliche Art glichen sich die Bilder, sogar von Apartheid wird wieder gesprochen, wie dies der südafrikanische Schriftsteller Roger Smith erst kürzlich im Interview mit Zeit online tat.


Manche Kritiker sprechen angesichts der sozialen Kontraste in Südafrika von Segregation oder gar von neuer Apartheid. (Foto: E. Supp)

Auch in der Landwirtschaft rumort es. Obstfarmer, selbst Traubenerzeuger waren von den Unruhen betroffen. Und wieder, wie damals, vor Jahrzehnten, wurden Rufe nach einem Boykott laut, diesmal allerdings nicht nach dem Boykott von Gold, Diamanten oder Kohle, sondern nach dem südafrikanischer Weine. Es waren Funktionäre des ANC (African National Congress) und zu ihm gehörender Gewerkschaften, die solche Boykottforderungen in die Medien hievten. Diese fraßen dann bis hin zum liberalen britischen Guardian lüstern die Brocken, die man ihnen so mundgerecht hingeworfen hatte.

Boykottaufrufe gegen das eigene Land

Es waren Funktionäre der regierenden Partei, die zum Boykott aufriefen, Funktionäre, von denen man eigentlich annehmen sollte, dass sie großes Interesse daran hätten, dass die Wirtschaft des Landes floriert, ihre Produkte in alle Welt exportiert werden. Es waren dieselben Funktionäre, die sich bei den Konflikten im Norden, beim Bergbau, wo ihnen ihr Regime aus politischer Macht und Korruption die Taschen füllen hilft, gehütet hatten, einen solchen Boykott zu fordern, während sie dem Weinbau, einem der wichtigsten Wirtschaftszweige der Kapregion, in der nicht sie selbst, sondern die konkurrierende Demokratische Allianz regiert, nur allzu gerne Knüppel zwischen die Füße warfen.

Nun könnte man angesichts solcher politischen Manöver gleich sämtliche Streiks und Demonstrationen, auch Polizeieinsätze und Boykottaufrufe ad acta legen, sie mit politischem Macht- und Ränkespiel erklären. Aber leider sind die Dinge, wie so oft, nicht ganz so einfach. Denn unbeschadet der Perfidie des politischen Spiels bleibt die Tatsache bestehen, dass Südafrika auch 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid eine Gesellschaft mit extremen sozialen Kontrasten ist, dass sich der mühsam über die letzten 20 Jahre gerettete soziale und politische Frieden immer wieder aufzulösen, das gesellschaftliche Geflecht zu explodieren droht.

Das Ende des Apartheidregimes hatte ja paradoxerweise den sozialen Sprengstoff der südafrikanischen Gesellschaft zumindest zeitweise entschärft. Nachdem der politische Übergang in den 1990er Jahren fast gewaltlos vonstatten gegangen war, sieht man von einigen Zwischenfällen in den Homelands ab, hegten Schwarze wie Weiße die Hoffnung, der alte Rassenkonflikt sei vielleicht tatsächlich Geschichte. Die in der Regel armen, wenn nicht sogar sehr armen Schwarzen hofften, dass sich mit dem Umschwung irgendwann auch ihre soziale Lage bessern würde. Die in der Regel besitzenden Weißen dagegen glaubten sich zunehmend sicher, dass auch nach dem Ende "ihres" Regimes die eigene soziale und wirtschaftliche Stellung nicht angetastet würde. Dies galt und gilt für die ländlichen Gebiete, in denen Landbesitz die Grundlage für die Verteilung des gesellschaftlichen Vermögens bildete und bildet, dabei noch mehr als für die Industrie- und Finanzzentren, für die Kapregion mehr als für Gauteng.


Viele der Einwohner des "schwarzen" Townships von Stellenbosch, Khayamandi, kommen eher selten in Verlegenheit, in den schicken Cafés des Stadtzentrums einen Kaffee bestellen zu wollen. (Foto: E. Supp)

Es reicht, in einem der schicken Cafés von Stellenbosch, dem Zentrum des Weinbaus und Weintourismus, einen Kaffee zu trinken oder einen Sandwich zu bestellen, und sich dabei zu vergegenwärtigen, dass man damit bereits das Äquivalent des offiziellen Tageslohns von Landarbeitern in Höhe von etwa sieben Euro geopfert hat, um sich das Ausmaß der Schere zwischen Arm und Reich vor Augen zu führen. Es reicht, die schicken Einfamilienhäuser in den "guarded compounds" an den Ausfallstraßen in aus Kapstadt zu betrachten, für die Preise von ein bis zwei Millionen EUR verlangt werden, bei durchaus moderater Wohnfläche, um zu verstehen, wie viele Lichtjahre das Leben ihrer Bewohner von dem der meisten Schwarzen entfernt ist. Es reicht, zu wissen, dass der Deutsche Akademische Auslandsdienst die monatlichen Lebenshaltungskosten für Studenten in Stellenbosch "...bei nicht allzu hohen Ansprüchen ... (auf) ... ca. Rand 6.000,- ..." schätzt, vorausgesetzt es sind Singles und sie benötigen kein Auto, was angesichts des nicht existierenden öffentlichen Nahverkehrs wenig praktikabel scheint. Selbst diese bescheidene Summe ist schon mehr als das Drei- bis Vierfache dessen, womit ein Landarbeiter im Regelfall seine Familie ernähren muss.

Soziale Segregation

Trotz des nicht unerheblichen gesellschaftlichen Reichtums im Lande führen die wirtschaftlichen Extreme zu faktischer sozialer Segregation. Wer beispielsweise in Gemeinden mit dem allgemeinen Preisniveau von Stellenbosch, Paarl oder Franschhoek sein Dasein als Landarbeiter fristet, der ist zwar nicht per Gesetz - von daher trifft der Begriff Apartheid auch nicht mehr zu -, wohl aber aufgrund seiner Mittellosigkeit in der Bewegungsfreiheit praktisch auf die Farm seines weißen Arbeitgebers oder auf seinen Township eingegrenzt und nimmt am sozialen und kulturellen Leben der restlichen Gemeinde nicht teil. "Obwohl auf gesetzlicher Ebene die Apartheid beendet wurde, ist sie immer noch eine ökonomische Realität," analysiert auch Roger Smith im bereits zitierten, lesenswerten Interview. Es ist eine soziale Segregation, die noch verschärft wird durch die Tatsache, dass gerade in den ländlichen Gebieten noch immer Bedingungen existieren, die an die Apartheid erinnern, von mangelhaften Bildungsangeboten für die Kinder über die Unterbringung der Familien bis hin zu schlechter ärztlicher Versorgung.

Dass eine solche Situation auf Dauer nicht zu halten ist und explodieren kann, wenn keine Perspektive zur Besserung mehr sichtbar ist, leuchtet wahrscheinlich jedem ein, der nicht ausschließlich die Vermehrung des eigenen Vermögens im Sinn hat. Und eine Reihe von alten oder neue Protagonisten des Weinbaus am Kap hat das auch durchaus erkannt. Der Beweis sind zahlreiche private Sozial- und Hilfsprojekte wie sie beispielsweise von den Weingütern Solms-Delta oder The Winery of Good Hope in den letzten Jahren initiiert wurden, und auf die wir noch zu sprechen kommen werden. [...]


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