WorldWine Gourmet Traveller

November 2011

Quiet days in Bordeaux ...

von Eckhard Supp

 
 
Im Herbst fand ich das Bordelais schon immer am schönsten. Dann verschaffen die bunten Weinblätter der sonst eher flachen Landschaft ein einzigartiges Relief, und der Wechsel vom morgendlichem Nebel zur oft noch gut wärmenden Sonne des Tages und dem melancholischen Braungrau der Dämmerung des Abends sorgt für eine atmosphärische Spannung, die ich in anderen Jahreszeiten hier nicht finde.
 
 
Bordeaux und der Wein - ein unzertrennliches Paar. Nach
Anmeldung kann der Besucher sogar die renommiertesten
Châteaux besuchen wie Château Margaux, das
Weinschloss mit der vielleicht berühmtesten
Fassade der Weinwelt. (Fotos: E. Supp)

Bordeaux und die Gironde zu bereisen, ganz gleich, ob privat oder beruflich, war früher, so vor 20 oder 25 Jahren vielleicht, kein wirkliches Vergnügen. Die Stadt war schmutzig, ihre Fassaden schwarz, gastronomische Highlights fehlten, in die Hotels konnte man sich nur mit einer Flasche Sagrotan im Gepäck trauen, und bestimmte Viertel hatte man gefälligst weiträumig zu umgehen. Selbst die Einheimischen verließen ihre Stadt regelmäßig dann, wenn sie sie (oder besser, ihr Leben) genießen wollten. Am Wochenende und im Urlaub sowieso, und wer abends ausgehen wollte, fuhr auch eher in die Gasthöfe und Restaurants der näheren und weiteren Umgebung.

Das neue Bordeaux

Das Bild hat sich, das sei hier gleich einmal festgehalten, grundlegend gewandelt. Bordeaux ist heute eine der vielleicht spannendsten und charmantesten Provinzhauptstädte Frankreichs: Helle Fassaden haben den Dreck von einst verdrängt, der Blick von den Quais auf die Garonne, früher durch verfallene Lagerhallen versperrt, ist freigeräumt, in den Straßen wuselt es, und gastronomische Highlights findet man heute selbst dort, wo man sich früher kaum hintraute, wie beispielsweise im einstigen Problemviertel Saint-Michel, wo das charmante La Tupina mit seiner wunderbaren Traditionsküche aufwartet. Auch der Verkehr hat dank eines nagelneuen Straßenbahnnetzes seinen Schrecken für Fremde verloren - dafür beklagen sich die Einheimischen jetzt über mehr Staus, aber das muss man nicht unbedingt glauben - und die Hotels laden heute (zumindest teilweise, wie beispielsweise das Normandie zwischen Grand Théatre und Esplanade, in unmittelbarer Nähe der École du Vin) wirklich zum Bleiben ein.


Wein und Kunst auf Château d'Arsac, dem Weingut des Kunstsammlers Philippe Raoux. Das Blau der Fassade steht für die Farbe der Bordelaiser Brühe, dem vielleicht wichtigsten Spritzmittel, das der Mensch in 7.000 Jahren Weinbergsarbeit erfunden hat.

Das neue Bordeaux begegnet dem Besucher heute auf Schritt und Tritt. Und das nicht nur innerhalb der Stadtgrenzen, sondern auch und vor allem außerhalb. Fahren Sie einfach mal über die Inlandstraße, die D1, nicht über die berühmte Route des Châteaux, die D2, ins Médoc. Wo man früher am Wegesrand allenfalls mal einer verlorenen Gruppe Waldarbeiter begegnete, reihen sich jetzt fast nahtlos Neubausiedlungen, aufgehübschte Dörfchen, Supermärkte und Gewerbegebiete aneinander - verbunden durch eine schier endlose Perlenkette von Kreisverkehren. Nicht zu vergessen, den riesigen Golfplatz Golf du Médoc von Le Taillan du Médoc, in dessen Zentrum auch eines der besten Hotels der Region aus dem Boden gestampft wurde.

Weintourismus ist die Zukunft

An einem dieser Kreisverkehre der D1, irgendwo auf halbem Wege zwischen Le Taillan und Castelnau, liegt auch eine der modernsten Verkörperungen dessen, was für die Bordelaiser so etwas wie ihr Zukunftsmodell darstellt. La Winery nennt sich das Ensemble aus Weinshop, Erlebnisgastronomie und Kunstsammlung, in dem man, fast einzigartig in der Region, die besten Weine im Laden einkaufen und im Restaurant verzehren kann - zu einem Drittel der sonst üblichen Gastronomiepreise.

Geschaffen wurde das Ensemble mit dem für französiche Ohren hochverratsverdächtigen Namen von Philippe Raoux, dem Sprössling einer Weinbaufamilie aus dem algerischen Oran. Es steht für die Erkenntnis der Bordelaiser, dass Weinbau und Weinhandel alleine vielleicht nicht immer, vor allem aber nicht für jeden das Geschäftsmodell der Zukunft darstellen, und dass der Weintourismus als drittes Standbein eine nützliche Investition sein könnte.

Weintourismus, das war übrigens auch das Motto der Reise, zu der der Bordelaiser Weinbauverband CIVB (Comité Interprofessionnel des Vins de Bordeaux) unsere Miniaturgruppe eingeladen hatte. Auch wenn man denken sollte, der Weintourismus sei so alt wie der Weinbau selbst, so steht die Symbiose von Wein und Reisen doch erst seit ganz wenigen Jahren im Zentrum der Marketinganstrengungen nicht nur dieser traditionellen Weinbauregion.


Es ist das besondere Herbstlicht, das die Landschaften des Bordelais verwandelt, ihnen ein einzigartiges Relief verschafft. Das gilt für den alten Baumbestand von Château Rouillac in Canejan (o.) ebenso wie für die altehrwürdigen Gemäuer von Château La Mission Haut-Brion (u.) an der Peripherie von Bordeaux.

Die Anstrengungen sind dabei erfreulicherweise nicht nur auf die offiziellen Organe der Region beschränkt. Weinchâteaus wie das Château d'Arsac, das ebenfalls dem Eigner der La Winery gehört, und das seine beachtliche Sammlung moderner Skulpturen für jeden sichtbar in seinem Park und den angrenzenden Weingärten aufgebaut hat, verkörpern die neue Orientierung, die neue Gastlichkeit, ebenso wie der wiederbelebte Weiler hinter Château Lynch-Bages in Pauillac, in dem Jean-Michel Cazes, dessen dynamischer Eigner, nach der kompletten Restaurierung in den letzten Jahren eine kleine, feine Sammlung von Cafés, Ateliers und Souvenirshops untergebracht hat.

Traumlandschaft Entre-deux-mers

Einige der feinsten Beispiele privater Anstrengungen zum Thema Weintourismus findet man übrigens in einer Landschaft, die sonst eher stiefmütterlich behandelt wird, im Entre-deux-Mers, einer Landschaft, die dem eiligen Globetrotter zwischen Bordelaiser Weingipfeln, für den sich der Besuch auf Château Lafite in Pauillac nahtlos an den auf Haut-Brion in Pessac-Léognan und an die auf Ausone, Cheval-blanc oder Pétrus im Libournais reiht, in ihrer urtümlichen Schönheit verborgen bleiben muss. Sanfte Hügel, romantische Schlösser, bunte (zumindest im Herbst) Wälder, in die immer wieder kleinere oder auch größere Weinberge eingesprenkelt sind, prägen diesen Teil des Bordelais, dessen Name (deutsch: Zwischen zwei Meeren) sich auf die "Insel"lage zwischen den beiden großen Flüssen Garonne und Dordogne bezieht , die sich hier erst zur majestätischen Gironde vereinen.

Château Lestrille in Saint-Germain-du-Puch ist eine der Perlen in diesem Paradies. Aus dem alten Familienbesitz hat Estelle Roumage - die Hand der Frau ist unübersehbar - ein schmuckes Weingut gemacht, das im besten Sinne des Wortes "accueuillant" ist, den Besucher wirklich willkommen heißt. Über die Weine wird noch zu sprechen sein - unser großer Verkostungsreport "Bordeaux" ist in Vorbereitung - aber auch der dazugehörige Laden mit seinen Accessoires, seinen gastronomischen Schmankerln und seiner "Cave à manger", wo demnächst auch kleine Happen als Unterlage für die Weinverkostung serviert werden, lohnen den Besuch.

Überhaupt: Wer wirklich gute Weine zu erschwinglichen Preisen finden will, der ist hier, wie auch in den so genannten "Satelliten"-Appellationen von Saint-Émilion, an der richtigen Adresse. Denn Bordeaux "kann" - auch wenn das die Preisentwicklung der "Grands Crus" in den letzten Jahren nicht immer vermuten lässt - durchaus nicht nur teuer. Oft geht es - leider - sogar so preiswert, dass die Winzer nicht einmal mehr ein einträgliches Einkommen aus ihrer Arbeit erzielen.

Wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten

Das ist vielleicht auch der Grund dafür, dass, während eine Reihe Kultweine gerade spielend die 1.000-Euro-Grenze - pro Flasche und bei Vorauszahlung, versteht sich - geknackt hat, jede Menge kleiner, unbekannter Winzer um ihre Existenz kämpfen müssen und im schlimmsten Fall, wenn sie ihren Betrieb aufgeben müssen, nicht einmal mehr Käufer für ihre Weinberge finden. Deshalb gibt es sie natürlich auch noch, die schwarzen, verfallenen Gebäude und Gehöfte, von denen ich eingangs sprach.


Nicht hinter jeder romantischen Fassade verbirgt sich auch eine sehenswerte Realität.

Darunter solche, in bzw. auf denen zwar noch Wein erzeugt wird, die aber eher ein Thema für die Lebensmittelkontrolle als für die Wein- oder Reiseberichterstattung sein sollten, was sich wiederum leider noch nicht bis zum BIVB herumgesprochen zu haben scheint. Auch unsere Gruppe schickte man, mutig, mutig, in einen solchen "Betrieb", in den man stattdessen besser ein Räumkommando oder einen Trupp Kammerjäger expediert hätte.

Immerhin konnten wir uns beim Abstecher in die südlichsten Anbaugebiete des Bordelais, nach Sauternes, Barsac und Cadillac, schnell wieder von dem Schrecken erholen und unsere entgeisterten Gesichter wieder in einen wie auch immer gearteten Normalzustand überführen. Ungewöhnlich war das Diner im L'Entrée Jardin von Cadillac, direkt hinter der Garonne-Brücke, dann allerdings auch. Ungewöhnlich und exotisch, dabei aber auch ungemein delikat, denn die verschiedenen Gänge wurden ausschließlich von Süßweinen der Region begleitet.


Château Rouillac im Gebiet von Pessac-Léognan südlich von Bordeaux - das neue Domizil eines Wein- und Pferdenarren.

Das geht gar nicht, sagen Sie? Und ob das geht! Und man muss seine kulinarischen Präferenzen auch gar nicht auf Foie gras oder Blauschimmelkäse beschränken. Kalbfleisch, Ente, natürlich Foie gras und was man so alles auf Speisenkarten von Restaurants des französischen Südwestens findet, gab's zum Sauternes und zum Cadillac - nein, hier ist kein Straßenkreuzer gemeint, sondern der Süßwein vom rechten Garonne-Ufer, sozusagen ein "kleiner Bruder" des berühmten Sauternes. Und schmeckten! Was wieder mal bewies, dass alle Verkünder von ehernen Regeln, die beim Thema Wein und Speisen immer in dieselben Schubladen greifen, von der Materie rein gar nichts verstanden haben. Auf die Zubereitung kommt es an, auf sonst gar nichts!

Leidenschaft

Auf die Zubereitung und die Leidenschaft, und das gilt natürlich nicht nur in der Gastronomie, sondern auch im Weinbau. Eine gute Portion dieser Leidenschaft motivierte auch den Besitzer der letzten Station unserer kurzen Rundreise, des Château Rouillac im Anbaugebiet von Pessac-Léognan, als er vor zwei Jahren ein Schloss samt Weingut kaufte, das einst von Baron Haussmann - das war der, der in Paris zum Schutz vor eventuellen Aufständischen die langen und breiten, kanonengeeigneten Boulevards schaffen ließ - erbaut worden war.

Wen Laurent Cisneros auf seinem neuen Besitz empfängt, den lässt er diese Leidenschaft spüren, und versteckt dabei auch nicht seinen Stolz, jetzt als Schlossherr im einstigen Hause des berühmten Barons zu residieren. Was Cisneros Weine betrifft, so hat sich die Begeisterung für den neuen Job schon auf den Jahrgang 2010, den ersten, der vollständig unter seiner Leitung reifte und gekeltert wurde, übertragen. Aber das, hatten wir oben schon gesagt, soll ja Gegenstand unseres geplanten, großen Verkostungsreports sein.

P. S.: Einen kleinen Bilderbogen zu dieser Reise finden Sie auf Google+ unter https://plus.google.com/photos/107951196831144721116/albums/5669314254457957537

 

Adressen und nützliche Infos:

Restaurant La Tupina, 6 - 8, rue Porte de la Monnaie, 33800 Bordeaux, Tel: 0556915637, www.latupina.com

Winebar & Restaurant La Winery, Rond-Point des vendangeurs, 33461 Arsac-Margaux, Tel: 0556390490, www.winery.fr

Restaurant L'Entrée Jardin, Bord de Garonne, 27 av. du Pont, 33410 Cadillac, Tel: 0556769696, www.restaurant-cadillac.com

Hotel de Normandie, 7 cours du XXX Juillet, 33000 Bordeaux, Tel: 0556521680, www.hotel-de-normandie-bordeaux.com

Hotel Golf du Médoc, Chemin de Courmateau, 33290 Le Pian Médoc, Tel: 0556703131, www.hotel-golf-du-medoc.com

Hotel Domaine de Valmont, 22, rue de la Gare, 33720 Barsac, Tel: 0556270269, www.domaine-valmont.fr

Boutique du Château Lestrille, 15, route de Créon, 33750 Saint-Germain-du-Puch, Tel: 0557245102, www.lestrille.com

Le Village de Lynch-Bages (Café-Restaurant Lavinal), Place Desquet – Bages, 33250 Pauillac, Tel: 0557750009, www.villagedebages.com


Noch ein paar gastronomische

Noch ein paar gastronomische Empfehlungen:

Bordeaux Zentrum:
Brasserie Bordelais
http://www.brasserie-bordelaise.fr/

Pauillac:
Cafe Lavinal (unbedingt vorbestellen auch Mittags!)
http://www.villagedebages.com/pageseditos,2,top_584D437C.html

St. Emilion:
L'Envers du Decor
http://www.envers-dudecor.com/

L'Envers du Decor ist

L'Envers du Decor ist tatsächlich zu empfehlen, es ist DER Treffpunkt der Winzer in Saint-Émilion. Das Lavinal hatte ich ja auch schon in den Empfehlungen. Danke auch für den dritten Tipp.

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