WorldWine Portrait

Mai 2013

Liebesbrief einer Weinpatriotin

von Cora Stephan

 
 
Klar: Andere Länder haben auch schöne Söhne. Und was wäre der Genießer ohne den Weinhändler seines Vertrauens – ahhh, was könnte ich Namen nennen! – die für ihn auf die Suche nach den besten Kreszenzen gehen? Und doch gibt es kaum etwas Schöneres, als beim Winzer persönlich vorbeizuschauen. Ein Marsch durch die Weinberge: schon glaubt man, das Terroir zu schmecken. Ein Gang durch den Keller: ob Cladosporium cellare, Barrique oder glänzender Edelstahl - ein Weinkeller erzeugt immer irgendwie Andacht. Und wer, in der entsprechenden Jahreszeit, einmal zugehört hat, wie musikalisch die Gärgase durch den Gärspund jodeln, kauft nie mehr im Supermarkt.
 
 
Das Weingut der Familie Zelt im pfälzischen
Laumersheim. (Fotos: C. Stephan / Firmenfotos)

Wenn der Stoff gut ist, sind es (fast) immer auch die Winzer, diese überzeugten (und großzügigen) Diplomaten des Kulturguts und Standortfaktors namens Wein. Ich kenne keine uncharmanten Winzer. Wahrscheinlich, weil ich deren Weine eh nicht mögen würde. Kürzlich also wieder auf Weinfahrt – irgendetwas muss man ja davon haben, wenn man in der Mitte Deutschlands wohnt: kurze Anfahrtswege zum Rheingau, nach Rheinhessen, in die Pfalz, nach Franken.

Wir sind zu dritt, es wäre nicht fair, dem Winzer eine ausgedehnte Weinprobe zuzumuten, ohne entsprechende Kaufkraft beisammen zu haben. Dass die Zelt-Weine gut sind, wissen wir: Ich habe sie in einem kleinen Restaurant in Berlin kennengelernt, das seine Gäste mit ausgesuchten deutschen Winzern bekannt macht. Noch immer sind deutsche Gastronomen ja nicht die Weinbotschafter, die sie sein könnten (und sollten), und wer seine ersten Erfahrungen mit Riesling in einem Frankfurter Lokal gemacht hat, könnte schnell zu den auf immer Entmutigten gehören.

Deutsche Gastronomen sind keine Weinbotschafter

Das Weingut Zelt liegt in einer Seitengasse. Der alte Hof aus rotem Sandstein ist behutsam renoviert worden, die Probierstube ist stilvoll Vintage - französische Steinfliesen, eine jahrhundertealte Klostersäule, prächtige Massivbalken, ein wärmender Stubenofen –, kein Drosselgassenkitsch. Es empfangen Seniorchef und –chefin Ernst und Margit Zelt. Sohn Mario kümmert sich um den Wein. Wir genießen das Ergebnis.


Margit, Ernst und Mario Zelt.

Es gibt hier keinen Wein, den man gern ausspuckt. Der Riesling ist frisch und öffnet den Mund. Der Weissburgunder schmeichelt mit Schmelz. Der Blanc de Noir macht Vorfreude auf den Sommer. Die Gutsweine sind Klasse zu sehr anständigen Preisen. Mein Liebling ist allerdings ein „Ortswein“: Der Laumersheimer Sauvignon Blanc hat ein sagenhaftes Bukett, stachelbeerig, grasig und energiegeladen. 9,50 Euro sind wahrlich nicht zu viel Geld dafür.

Der Muskateller übrigens stößt zunächst auf Vorurteile: nicht nur bei denjenigen, die alt genug sind, um sich an die Sorte als klebrig-karamellige Soße zu erinnern. Auch die später hinzugekommenen Probiertrinker, wesentlich jünger, sagen nein. Da fällt mir wieder auf, wie unendlich lange es gedauert hat, bis der deutsche Wein seinen einst so guten Ruf wiederhergestellt hat, den viele Winzer in der Nachkriegszeit mit Masse statt Klasse ruinieren halfen.

Sozialisation als Weinpatriotion

Wir Trinker sind nicht unschuldig daran. Man denke an die Sozialisation durch jene Plörre, die man in Studentenzeiten aus Korbflaschen trank: Valpolicella oder Frascati oder wie sich das Zeug nannte, bei dem man nicht recht wusste, ob es einen Kork-schmecker hatte oder ob der sauerstrenge Ton zum Wein gehörte. Und später der ganze Toscanafimmel und die Pinot-Grigio-Manie. Ich hatte das Glück, für meine nachgeholte Sozialisation einen besonders geduldigen Mentor zu finden: Bernhard Breuer aus dem Rheingau. Seither bin ich bekennende (und gern bekehrende) Weinpatriotin.

Aber zurück zum Weingut Zelt. „Les Tentes“, die Zelts, machen verdammt guten Wein für relativ wenig Geld, das gilt auch für die Rotweine. Großartig schon die Cuvée gleichen Namens aus Saint Laurent, Dornfelder, Dunkelfelder und Spätburgunder. Auch das ein Lernprozess: „Verschnitt“ galt hierzulande lange als irgendwie Gepantschtes, wogegen man sich mit der Forderung nach sortenreinen Lagenweinen verwahrte. Aber eine Cuvée ist heute nicht nur in Frankreich die Komposition, an der sich der Kellermeister beweist. Mario Zelt hat einen begeisternden Freund und Begleiter geschaffen, ein Allroundtalent zu allen Gelegenheiten. Ebenso unwiderstehlich: Der Merlot, beerig und bärig. Doch mein Liebling ist ein sensibler, schlanker Gentleman: der Cabernet Sauvignon. Nie wieder möchte ich hören, die Deutschen könnten keinen Rotwein.

Als wir den Wagen voll beladen haben und schon auf dem Abmarsch sind, zugegeben trunken vom Wein, dem Ambiente und den liebenswerten Gastgebern, schenkt uns Ernst Zelt noch einen der „Lagenweine“ ein: einen Bissersheimer Goldberg, einen Riesling. Ein Wein, bei dem zu jeder Tageszeit die Sonne aufgeht. Wenn wir noch Platz hätten, wäre der ganz gewiss mit dabei. Aber es gibt schließlich noch ein nächstes Mal.

Die Publizistin Cora Stephan hat sich als politische Kommentatorin und - unter ihren Pseudonymen Anne Chaplet und Sophie Winter - als Autorin zahlreicher (Kriminal)Romane einen Namen gemacht. Sie lebt im hessischen Vogelsbergkreis und in der südfranzösischen Ardèche.

Die Weine der Zelts in unseren Verkostungen

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