WorldWine Reportage

Oktober 2013

Brazilian Soul - Auf der Suche nach den Märkten

von Eckhard Supp

 
 
Rio und der Amazonas sind weit, statt Karneval wird das Oktoberfest gefeiert, Nebel und Regen bestimmen das Wetter, Arbeitslosigkeit kennt man nicht, das Durchschnittseinkommen ist doppelt so hoch, wie im Rest des Landes, und die dicklich-oxidativen, süßlichen "Weine" aus Amerikanerreben hat man hier in den letzten Jahren zumindest teilweise durch solche aus edlen europäischen Sorten ersetzt. Brasiliens Süden ist anders! Vor allem: Er ist die Heimat des brasilianischen Weinbaus. Jetzt versucht sich das Land, dessen Weinwirtschaft erst vor etwa eineinhalb Jahrzehnten so richtig aus ihrem langen Dornröschenschlaf aufwachte, auch im Export. Auf Märkten, die allerdings nicht wirklich auf neue Erzeuger und neue Weine gewartet haben. Braucht die Welt diese Weine? Genügen sie unseren Ansprüchen? Was hat das Land wirklich zu bieten? Fragen über Fragen, auf die auch meine kleine Erkundungsreise nicht alle Antworten geben konnte.
 
 
Nur Sonne und Meer? Nein, Brasiliens Süden, wo die meisten Weinbaugebiete
des Landes beheimatet sind, ist ganz anders, als man
es sich gemeinhin vorstellt. (Fotos: E. Supp)

Nein, wirklich beantworten konnte mir auf meiner Reise ins südliche Brasilien, ins Land der Gaúchi, vor allem die wichtigste meiner Fragen niemand. Warum, bitte schön, hatte ich wissen wollen, sollte ein Weinkonsument in Deutschland, in Europa, überhaupt brasilianische Weine trinken? Was ist besonders an ihnen, was kann man in ihnen finden, was kein anderes Weinland der Welt zu bieten hat? Was, um es im Marketing-Sprech zu sagen, ist ihre Unique Selling Proposition, ihr Alleinstellungsmerkmal.

Die Tatsache allein, dass manche Weine recht gut, einige sogar sehr gut sind - das wird auch der in Kürze auf diesen Seiten erscheinende große Verkostungsreport zeigen -, kann ein solches Alleinstellungsmerkmal ja nicht sein. Dazu gibt es rund um den Globus einfach zu viel guten Wein, zu viele gute Erzeuger und gute Anbauländer. Das war natürlich auch meinen brasilianischen Gesprächspartnern klar. Auch dass der Spruch von der so ungemein attraktiven "Vielfalt" des eigenen Angebots, den man andernorts meist zu hören bekommt, keine wirkliche Antwort, kein schlüssiges Marketingkonzept darstellt, brauchte ich in meinen Gesprächen nicht besonders zu betonen.


80 % der brasilianischen Rebfläche sind noch immer mit amerikanischen Hybridsorten bepflanzt, aus denen sich bestenfalls Traubensaft oder dicklich-süße, für den europäischen Geschmack ungenießbare Weine erzeugen lassen.

Natürlich war mir klar, dass der Weinbau des fünftgrößten Landes und der siebtgrößten Volkswirtschaft der Welt im Grunde noch viel zu jung ist, um diese Frage schlüssig beantworten zu können. Obwohl erste Reben bereits im 19. Jahrhundert gepflanzt wurden, begann man erst in den 1990er-Jahren in kommerziell relevantem Maßstab damit, "fine wines" aus europäischen Rebsorten zu keltern. Vorher hatten Amerikanerreben wie Isabella, eine Hybride aus Vitis labrusca und Vitis vinifera, die 1816 zum ersten Mal in Nordamerika auftauchte und selbst unter tropischen Bedingungen reift - weshalb sie vor allem in Ländern wie Brasilien, Uruguay, Indien oder Japan kultiviert wird - fast sämtliche Flächen belegt. Noch heute sind es 80 %, und aus den Trauben wird vor allem Saft erzeugt, aktuell das "große Ding" in der Getränkebranche, dessen Pro-Kopf-Konsum sogar den von Orangensaft überflügelt hat.

Alleinstellungsmerkmal gesucht

Aber nicht nur, dass der Qualitätsweinbau des Landes jung ist, ihm fehlt auch eine Rebsorte, die für eine zumindest relative Alleinstellung sorgen könnte. Andere Länder der Neuen Welt besitzen so etwas - Chile mit Carmenère, Argentinien mit Malbec, Südafrika mit Chenin blanc und Pinotage, Brasilien aber nicht, auch wenn mancher hier meint, mit Merlot seine Identität gefunden zu haben. Aber Merlot, ausgerechnet der Globetrotter Merlot als Alleinstellungsmerkmal? Das kann es dann wohl doch nicht sein, zumal der brasilianische auch in unseren Verkostungen nicht immer glänzte.

Die Brasilianer selbst machen die Sache nicht einfacher. Die konsumieren nämlich mit Vorliebe Ausländisches. "Das größte Problem des brasilianischen Weinbaus sind die Brasilianer", war eines der geflügelten Worte, die ich immer wieder zu hören bekam. 70 % des nationalen Weinkonsums sind importiert, und die unsinnige Bestimmung, dass einheimische Weine mit 53 % Steuern belegt werden, importierte dagegen nicht, verkompliziert das Ganze noch zusätzlich.

Chile und Argentinien sind Hauptprofiteure dieser Politik, wobei ihnen zumindest das Verdienst zukommt, dem brasilianischen Weinbau indirekt auf die Sprünge geholfen zu haben, als Brasilia Mitte der 1990er-Jahre beschloss, die Märkte des Landes für Importe zu öffnen. Flavio Pizzato, einer der besten Winzer der Serra Gaúcha, erkennt das umstandslos an: "Lernen oder sterben hieß es damals, und wer nicht schleunigst auf Vinifera-Sorten umstellte, hatte keine Chance".


Um die Bilder dieses Albums in Vollformatansicht zu sehen, klicken Sie bitte auf das Symbol rechts oben im schwarzen Rahmen.

Das Weingut der Pizzatos, einer der vielen Familien, deren Vorfahren vor fast 150 Jahren aus Italien einwanderten, nur wenig später als die Deutschen, deren Spuren uns von Novo Hamburgo bis zum Hotel Steffen in Bom Princípio - hier soll es noch Alte geben, die kein Wort Portugiesisch sprechen, nur ihr altschwäbisches Idiom - begleiteten, war trotz seines leicht nervigen Chefs einer der Höhepunkte der Reise. Es überzeugte vor allem mit seinen roten Cuvées Verve und Concentus, aber auch mit dem reinsortigen Alicante Bouschet, wobei der durchaus geneigte Besucher unter den vielen Weinen, die mit aufwändigem Tamtam präsentiert wurden, solche mit identitätsstiftendem Potenzial vergeblich suchte.

Mantel des Schweigens

Dass das auch für die nur notdürftig mit Wandmalereien übertünchte, gigantische Weinfabrik der Kellerei Salton galt, deren Weine selbst dem mitgereisten Einkäufer eines deutschen Discounters nur kläglich vorkamen, versteht sich fast von selbst, und auch die stolz vorgezeigten "Faces"-Weine von Lidio Carraro, der es zum offiziellen Lieferanten der Fußball-WM im kommenden Jahr geschafft hat, und der sich jetzt wohl vor Gericht um die richtige Auslegung der Verträge mit den Organisatoren streiten muss, konnten nicht wirklich überzeugen. Über die Zustände im Weingut eines bekannten Krebsforschers, in das auch die Schwester des Models Gisele Bündchen - für die Gaúchi "Dschiselii Bindchen" - eingeheiratet haben soll, breite ich an dieser Stelle einfach vornehm einen großen Mantel des Schweigens. 


Nein, auch die gigantische Weinfabrik der Kellerei Salton konnte naturgemäß keine Weine mit Alleinstellungsmerkmal vorzeigen.

Dem Bild von Weinen mit einem gewissen Alleinstellungsmermal kam unsere kleine Reisegruppe mit Teilnehmern aus Deutschland, Großbritannien und den USA immer dann etwas näher, wenn Schaumweine aufgemacht wurden. Denn die sind eine der absoluten Stärken der Weingüter auf der Serra Gaúcha. Vor allem Pinto Bandeira, der kleine Weiler in der Nähe von Bento Gonçalves, der brasilianischen Weinhauptstadt, der erst vor wenigen Wochen zur eigenständigen Gemeinde und Appellation wurde, scheint sich für die Produktion erfrischender und trotzdem fest strukturierter, im besten Fall sogar außergewöhnlich komplexer Prickler zu eignen. [...]


sehr guter Artikel, der die

sehr guter Artikel, der die Stärken, Schwächen des brasilianischen Weins und die Herausforderungen, die es zu überwinden gilt, analytisch gründlich und vom Fachwissen her sehr kompetent herausarbeitet

Da der Amazonas Dschungel

Da der Amazonas Dschungel bereits gerodet wird, um Soja für die Billig-Fleisch-Produktion von brasilianischem Roastbeef an zu bauen, kann ich nur sagen: No, we do not need Brasilian wine at all! Solange mit ökologischen Ressourcen wie dem Amazonas und indigenen Völkern in diesem Land so umgegangen wird, sollte man den Wein allein schon aus ethischen Gründen boykottieren.

Ein sehr interessanter und

Ein sehr interessanter und fundierter Beitrag. Die brasilianische Weingeschichte wächst sehr langsam aus ihren Kinderschuhen heraus, aber es braucht wohl noch einige Jahre, um wirklich internationale Akzeptanz und Anerkennung zu finden. Man traut dem dortigen Weinvorhaben noch nicht genug Qualität zu, um dauerhaft auf dem internationalen Weinmarkt dabei zu sein. Der Wille und das Fachwissen sind vorhanden, die Weine werden es zeigen und sich durchsetzen.

Kommentieren Sie diesen Artikel / Your comment

CAPTCHA

Bitte tragen Sie die untenstehenden Zeichen in das Eingabefeld ein. Captcha hilft uns bei der Vermeidung von automatisierten Eingaben.